@Malaika: Hui, hier ist einiges dazugekommen seit Deiner Frage. Ich möchte sie trotzdem beantworten.
Ich glaube, es gibt viele Menschen, denen es so geht wie dir, die im Rückblick dankbar fürs Weiterleben sind, aber das in dem Moment der Verzweiflung zu erkennen, ist wohl fast nicht möglich. Und leider scheint es so gar nicht zu helfen, wenn andere das dem Betroffenen einfach nur SAGEN. Vielleicht ist es schon glaubwürdiger, wenn jemand wie du aus eigener Erfahrung spricht und überzeugend darstellt, dass es einen Weg aus tiefster Verzweiflung zur Lebensbejahung gibt. Du schreibst, dass du nun "endlich einen Ort gefunden hast, an dem du die Unterstützung findest, die du benötigst". Wie hast du diesen Ort gefunden? Was würdest du Betroffenen raten, wo sollen sie danach suchen?
Diesen Ort habe ich mehr oder weniger durch einen glücklichen zufall gefunden. Ich muss ein wenig ausholen, um zu erklären. Ich leider unter einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung. Jahrelang bin ich zu Therapeuten gegangen, war in Kliniken, hab irgendwann den Stempel Borderline gekriegt und wurde darauf behandelt, aber so richtig half nichts. Manches wurde besser, aber ds Leben blieb unaushaltbar. Lange wußte ich auch nicht, dss ich traumatisiert bin, weil mir viele Jahre in meiner Erinnerung fehlen. Vor einigen jahren stellte sich mein Leben dann endgültig auf den Kopf, nachdem ich durch einen Unfall querschnittsgelähmt wurde. Suizidgedanken hatte ich seit meinem 8. oder 9. Lebensjahr, auch Versuche, hatte immer einen konkrten Plan, wie es geschehen soll, habe nur den richtigen Zeitpunkt abgewartet. Nach dem Unfall rutschte ich dann endgültig in eine tiefe Krise. Ich flehte meinen Freund an, mich endlich gehen zu lassen. Er sagte nein. Ich hasste ihn dafür und konkrtisierte meinen Plan und den Zeitpunkt der Ausführung. Verschiedene Umstände führten dazu, noch zu warten.
Mit viel Therapie wurde es besser, aber nicht gut. Dann kamen die Erinnerungen. Ich erkannte den Grund, warum alles so war, wie es ist. Ich verstand, warum ich mich all die Jahre wie ein Alien gefühlt hatte, nicht passend auf diese Welt und mit einem massiven Hass gegen mich und einem Schuldgefühl, das unendlich tief war.
Es war eine der schmerzhaftesten Zeiten, aber es kam auch Wut hoch. Die Wut, dass mir mein Leben genommen worden war. Dass nicht (nur) meine eigene Lebensunfähigkeit mir das Leben unerträglich zu machen schienen, sondern dass Dinge passiert sind, die mich haben zersplitten lassen. Ich begann, über Traumathera nachzudenken, fand aber lange nicht den Weg.
Letztes Jahr war ich dann in der Psychiatrie, da es mir sehr schlecht ging. Es war furchtbar, weil ich auch da am falschen Ort war und überflutet wurde von Erinnerungen, so dass ds daraus resultierende Verhalten meinerseits selbst dort beim Personal zu Überforderung geführt hat. Ein Mensch dort erkannte jedoch mein Krankheitsbild (das leider selbst in vielen Traumakliniken nicht adäquat behandelt wird). Er vermittelte mir den Kontakt zu einer Klinik, die sich mit dieser Störung auskennt und half mir, schnell dorthin zu kommen. Und das war mein Glück. Dort lernte (und lerne, denn ich gehe regelmäßig für einige Wochen dorthin) ich, meinen Fokus weg von all der Selbstzerstörung und den Todesgedanken auf das Leben zu richten. Es war, als würden mir auf einmal die Augen aufgehen. Auf einmal konnte ich sehen, was lebenswert ist, nicht mehr nur, was schrecklich ist. Und ich begann, einen regelrechten Hunger nach Leben zu endwickeln. Endlich Leben, nachdem ich es nie konnte.
Natürlich ist auch jetzt nicht alles rosig, nach wie vor kommen die Tiefs, stürzen tramatische Erinnerungen auf mich ein und kommen die Todesgedanken. Aber es fühlt sich anders an. Auch ist der Wunsch nach dem Tod nicht mehr so dringlich und weniger fordernd, manchmal eher tröstend. Denn für mich selbst habe ich erkannt, dass meine Suizidalität stark damit zusammenhängt, dass ich versuche, Kontrolle über mein Leben wiederzuerlangen, wenn sie mir zu entgleiten droht. Wenn jetzt die Suizidgedanken kommen versuche ich herauszufinden, was gerade so immens überfordert, dass nur noch der Tod ein Ausweg ist. Lasse die Gedanken da sein, aber in dem Wissen, "es" nicht tun zu müssen. In dem Wissen, dass es neben dieser Dunkelheit und Einsamkeit auch noch was anderes gibt, Leben, und dass ich mir dieses erkämpfen kann. Versuche mich, mich an schönen Erinnerungen wieder aus dem Sumpf rauszuziehen. Und es gelingt!
Für mich war diese Klinik ein absoluter Glücksgriff. Und es war ein großes Glück, dass jemand erkannte, warum ich trotz so viel Therapie nicht weiterkam. Und dass ich jetzt an dem richtigen Thema arbeiten kann und nicht reduziert werde auf irgendwelche Symptomatiken, die ich zeige.
Die Frage, wo Betroffene suchen sollen, ist schwer zu beantworten. Ich glaube, es erfordert viel Hartnäckigkeit, aber auch gute Zufälle, Glück und die richtigen Leute um einen rum, damit man die Hilfe finden kann, die man braucht.
Das Problem ist, (so war es bei mir zumindest), wenn man nur noch den Ausweg Tod sieht, dann wird man so blind für andere Wege. Weil ein Weg erkannt wurde, dem Leiden ein Ende zu setzen. Und da dieser Weg so greifbar ist, geht die Offenheit für andere Wege verloren. Alles reduziert sich auf die scheinbare Lösung.... Und alles, was der Lösung im Weg steht, löst Wut aus. Auch wenn das in dem Moment empfundene "Hindernis" eventuell ein Weg raus aus dem Schlammassel hin zum Leben sein könnte.
@Traurigkeit: Ich möchte mich entschuldigen, dass ich jetzt in meinem Thread so viel über meinen Weg geschrieben habe. Ich hoffe sehr, dass Dich das nicht stört oder verletzt.
Liebe Grüße
Sadness