Wenn Worte meine Sprache wär'n

Persönliche Hoffnungen, Wünsche und Lebensperspektiven

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Dissolved_Alice
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Re: Wenn Worte meine Sprache wär'n

Beitrag von Dissolved_Alice »

Lexx hat geschrieben: Sonntag 20. April 2025, 00:00
Ich liebe diesen thread! Danke Lexx!
You want it darker von Cohen ist so ein unfassbar deepes Lied ❤️
Dissolved_Alice
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Re: Wenn Worte meine Sprache wär'n

Beitrag von Dissolved_Alice »

Das Eisenbahngleichnis
von Erich Kästner


Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug.
Und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft, ein anderer klagt,
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus. Wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür herein
und lächelt vor sich hin.
Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.

Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.
Ein Kind steigt aus. Die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit,
und niemand weiß, warum.

Die 1. Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und spürt das sehr.
Die Mehrheit sitzt auf Holz.
Wir reisen alle im gleichen Zug
zu Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupé.
Dissolved_Alice
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Re: Wenn Worte meine Sprache wär'n

Beitrag von Dissolved_Alice »

Wenn man so durch die Straßen läuft
Und Dinge kauft, die man nicht braucht
Wenn man im Wirtshaus zu viel säuft
Und stinkende Substanzen raucht
Wenn man die Liebe drängend zwingt
Dorthin zu gehen, wo sie nicht hin will
Sich Braten in den Magen schlingt
Aufgrund von Mangel an Gefühlen
Wenn man sich anschweigt auf den Sofas
Ein Bildschirm flimmert, kaltes Licht
Man fühlt sich sogar samstags alt
Der Krimi läuft, das Leben nicht

Wir halten uns alle nur warm
Aber wenigstens halten wir uns

Man tut gemütlich, weil man strickt
Man schenkt Kaffee-Perkolatoren
Und während man alte Gewohnheiten pflegt
Ist draußen irgendwas erfroren
Über den Friedhof weht eine kalte Erkenntnis
Leere füllt die einsamen Seelen
Man stopft sie zu mit ein, zwei Gläschen
Und fängt an, Sachen zu erzählen
Der Eine geht noch schnell was holen
Etwas Ungesagtes, grinst verstohlen
Der Hunger schreit, er will nicht mehr warten
Und die Kinder spielen Krieg im Garten

Wir halten uns alle nur warm
Aber wenigstens halten wir uns
Wir halten uns alle nur warm
Aber wenigstens halten wir uns

Guter Mond, du gehst vergeblich
Keiner küsst so gute Nacht
Jemand sagt zu einem Ander'n:
"Ich hab dir was mitgebracht"
Müdigkeit malt die Gesichter
Die Wünsche sind im Traum verborgen
Durchs Fenster blüh'n Laternenlichter
Ins Zimmer schlurft ein neuer Morgen
Dann geht man wieder in die Stadt
Dann sitzt man wieder im Café
Und alles reicht nicht, was man hat
Und das, was fehlt, tut weh

Wir halten uns alle nur warm
Aber wenigstens halten wir uns
Wir halten uns alle nur warm
Aber wenigstens halten wir uns
Wir halten uns alle nur warm
Aber wenigstens halten wir uns
Und wo ist eigentlich die Liebe?
Wo ist eigentlich die Liebe, wenn man sie mal braucht?
Die sitzt in einer Bar und raucht
Sie ist verletzt und schwer beleidigt
Sie hat sich lang' genug verteidigt
Und wo ist eigentlich die Würde?
Die Würde liegt mit Strapsen im Bett
Und wartet vergeblich
Und wartet vergeblich auf die Begierde
Aber die Begierde sitzt heulend mit der Freiheit im Keller
Weil die Moral die Türen verschlossen hat
Und wo ist eigentlich die Moral?
Wo ist eigentlich die Moral
Wenn man sie mal wieder überhaupt nicht braucht?
Die sitzt vor dem Fernseher und regt sich über Ausländer auf
Und wo ist eigentlich die Liebe?
Wo ist eigentlich die Liebe?
Und wo ist die wahre Schönheit?
Die wahre Schönheit, wo ist die eigentlich?
Sie ist in München
Und lässt sich die Nase korrigier'n
Und wo ist eigentlich der gute Wille?
Der gute Wille und der Übermut und der Tatendrang
Und die Gutgläubigkeit und die Phantasie
Und die großen Ideen, an die sowieso kein Erwachsener mehr glaubt?
Und wo ist eigentlich die Liebe?
Wo ist eigentlich die Liebe?
Und wo ist eigentlich die Auflehnung?

Ey!
Wo ist eigentlich die Auflehnung?
Wenn man sie mal braucht?
Die ist in der Schule
Und lernt, wie man still sitzt

Von Sarah Lesch "Wir halten uns"
Lexx
Beiträge: 335
Registriert: Mittwoch 24. Juli 2024, 21:12

Re: Wenn Worte meine Sprache wär'n

Beitrag von Lexx »

Hallo liebe Dissolved_Alice,
ich freue mich wirklich sehr über das Kompliment und die wunderbaren Gedichte - es steckt so viel Tiefgang und Wahrheit darin, ich kann nur sagen "Gänsehaut"!!
Ein kleines ❤ Dankeschön für dich:


If I had a world of my own
Everything would be nonsense
Nothing would be what it is
Because everything would be what it isn′t


I invite you to a world
Where there is no such thing as time
And every creature lends themselves
To change your state of mind
And the girl that chase the rabbit
Drank the wine and took the pill
Has locked herself in limbo
To see how it truly feels

To stand outside your virtue
No one can ever hurt you
Or so they say

Her name is Alice
She climbs into the window
Through shapes of shadows
Alice
And even though she is dreaming
She knows

Sometimes the curiosity can kill the soul
But leave the pain
And every ounce of innocence
Is left inside her brain
And through the lookingglass
We see she's faithfully returned
But now off with her head
I fear is everyone′s concern

You see there's no real ending
It's only the beginning
Come out and play

Her name is Alice
She climbs into the window
Through shapes of shadows
Alice
And even though she is dreaming
She′s unlocked the meaning for you

This kingdom
Good riddance
Her freedom
And innocence
Has brought this whole thing down

Her name is Alice
She climbs into the window
Through shapes of shadows
Alice
And even though she is dreaming
She′s unlocked the meaning

Red knights white knights marching to the fight
Drink me, shrink me, fill me to sink me

Red knights white knights marching to the fight
Drink me, shrink me, fill me to sink me

She's unlocked the meaning for you

And contrary wise, what it is, it wouldn′t be
And what it wouldn't be, it would
You see?


https://m.youtube.com/watch?v=jghgroHc- ... hpbmVkb3du
"Her Name Is Alice", Shinedown
Lexx
Beiträge: 335
Registriert: Mittwoch 24. Juli 2024, 21:12

Re: Wenn Worte meine Sprache wär'n

Beitrag von Lexx »

Here's to the greater good, for all
Do what you know you should, for all
We all may die

Something's going on, just look around
Fear is on the rise
And there's blood all over the ground
Let's all just blindfold the poor
We must remind them what's in store
We got 'em now
Just break 'em down a little bit more

I said,
"Hey (hey), you (you), feed the machine
Bring them all back down to their knees
There's no time to waste, remind the slaves
They ain't gonna make it out alive today"

I said, "Hey (hey), you (you), poison the well
Watch it all burn, take them straight to hell
He's got the whole (whole) world (world) in his hands
It was nice to know ya, we've all been damned, c'mon"

Nothing's going on, no need to fear
And we're all in this together
And just to make it all clear
We want the same thing as you
This will all be over soon
Now here's a little pill, here's the truth

We're gonna, we're gonna, we're gonna
We're gonna, we're gonna, we're gonna
We're all gonna die


"Hey, you, feed the machine
Bring them all back down to their knees
There's no time to waste, remind the slaves
They ain't gonna make it out alive today"

I said, "Hey (hey), you (you), poison the well
Watch it all burn, take them straight to hell
He's got the whole (whole) world (world) in his hands
It was nice to know ya, we've all been damned, c'mon"
(C'mon, c'mon, c'mon, c'mon, c'mon)
We've all been damned, c'mon


I said, "Hey (hey), you (you), feed the machine
Bring 'em all back down to their knees
There's no time to waste, remind the slaves
They ain't gonna make it out alive today"

I said, "Hey (hey) you (you), poison the well
Watch it all burn, take them straight to hell
He's got the whole (whole) world (world) in his hands
It was nice to know ya, we've all been damned, c'mon!"
(C'mon, c'mon, c'mon, c'mon, c'mon)

We've all been damned, c'mon
(C'mon, c'mon, c'mon, c'mon, c'mon)
We've all been damned, c'mon


https://m.youtube.com/watch?v=Au5uH8dr1yo
"Feed The Machine", Poor Man's Poison
Hundetante
Beiträge: 17
Registriert: Freitag 1. August 2025, 17:20

Re: Wenn Worte meine Sprache wär'n

Beitrag von Hundetante »

Ach, was für ein schöner Thread! ❤️
Und gut, das es Menschen gibt, die liebevolle, poetische, anregende, wahre Worte teilen
Danke Lexx 🙏
Und da hab ich auch noch eine kleine Geschichte, die mich immer wieder rührt:


Es war einmal eine kleine Frau, die einen staubigen Feldweg entlanglief. Sie war offenbar schon sehr alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.


Bei einer zusammengekauerten Gestalt, die am Wegesrand saß, blieb sie stehen und sah hinunter.
 Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine
 graue Decke mit menschlichen Konturen.



Die kleine Frau beugte sich zu der Gestalt hinunter und fragte: "Wer bist du?"



Zwei fast leblose Augen blickten müde auf.


"Ich? Ich bin die Traurigkeit", flüsterte die Stimme stockend und so leise, daß sie kaum zu hören war.



"Ach die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.



"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit misstrauisch.



"Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet."



"Ja aber...", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du dann nicht vor mir?
 Hast du denn keine Angst?"



"Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut,
 dass du jeden Flüchtigen einholst.
Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so 
mutlos aus?"



"Ich..., ich bin traurig", sagte die graue Gestalt.



Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr.


"Traurig bist du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf.
"Erzähl mir doch, was dich so bedrückt.

"

Die Traurigkeit seufzte tief.


"Ach, weißt du", begann sie zögernd und auch verwundert darüber, daß ihr tatsächlich jemand zuhören wollte. Es ist so, daß mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest."


Die Traurigkeit schluckte schwer.


"Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen.
Sie sagen: 'Papperlapapp, das Leben ist heiter, und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot.
Sie sagen: 'Gelobt sei, was hart macht' und dann bekommen sie Herzschmerzen.
Sie sagen: 'Man muss
 sich nur zusammenreißen' und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken.
Sie 
sagen: 'Nur Schwächlinge weinen' und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe.
Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen."



"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir auch schon oft begegnet..."



Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen.

"Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, daß ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben.
Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu."



Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz
 verzweifelt.

Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre
 Arme.
Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.



"Weine nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt.

"

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin:


"Aber..., aber – wer bist eigentlich du?"



"Ich?" sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd.

"Ich bin die Hoffnung."



von Inge Wuthe
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