Aus Überzeugung für/gegen das Leben

Themenbezogene Diskussionen, die sich nicht nur auf eine Person beziehen; Ursachen und Auslöser für Depressionen und Daseins-Ängste; Bewältigungsstrategien bei Lebensmüdigkeit; psychische Krankheitsformen; Suchtkrankheiten; Alkohol-, Drogen- und Medikamenten-Abhängigkeit; Beziehungsprobleme

Moderatoren: Ludwig A. Minelli, Mediator

existenceispain
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Registriert: Samstag 15. September 2018, 00:48

Re: Aus Überzeugung für/gegen das Leben

Beitrag von existenceispain »

Peterchen hat geschrieben:Was heißt aussichtslos? Muss die Lage aussichtslos sein, damit der Freitod zu einer vernünftigen Option wird? Vielleicht hat man ja eine Aussicht, aber die besteht aus einem tristen Leben mit einem öden Job und banalen Sozialkontakten. Vielleicht hat man darauf keine Lust.
Meine Rede!
Warum sollte ich mir überhaupt gefallen lassen, dass mir eine Ameise über den Finger krabbelt (Metapher für einen vermeintlich geringfügigen Beweggrund zu Suizid), wenn ich die Zeitschrift nicht abonniert hab (Metapher für unsere unfreiwillige Teilnahme am Leben)?
glycerine
Beiträge: 906
Registriert: Mittwoch 9. Mai 2012, 16:13

Re: Aus Überzeugung für/gegen das Leben

Beitrag von glycerine »

Peterchen hat geschrieben:
Erloesung hat geschrieben: Sollte man dann nicht das machen, wovon man komplett überzeugt??
Solange es nur das eigene Leben betrifft: Ja.

Wobei ich auch da Einschränkungen legitim finde, wenn jemand wirklich nicht Herr seiner Sinne ist. Wenn zum Beispiel ein Psychotiker nur sterben will, weil er glaubt, dass er von einem Zombie gebissen wurde, dann wäre das keine Grundlage für einen rationalen Suizid. Weil die Prämisse dieser Entscheidung einfach falsch wäre.

Aber wenn ein entscheidungsfähiger Mensch sein Leben beenden will, weil er es einfach witzlos findet, obwohl er körperlich gesund ist, dann sollte das akzeptiert werden.
Das sehe ich absolut gleich.
Starless Aeon
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Registriert: Samstag 29. September 2018, 15:08

Re: Aus Überzeugung für/gegen das Leben

Beitrag von Starless Aeon »

existenceispain hat geschrieben:
Peterchen hat geschrieben:Was heißt aussichtslos? Muss die Lage aussichtslos sein, damit der Freitod zu einer vernünftigen Option wird? Vielleicht hat man ja eine Aussicht, aber die besteht aus einem tristen Leben mit einem öden Job und banalen Sozialkontakten. Vielleicht hat man darauf keine Lust.
Meine Rede!
Warum sollte ich mir überhaupt gefallen lassen, dass mir eine Ameise über den Finger krabbelt (Metapher für einen vermeintlich geringfügigen Beweggrund zu Suizid), wenn ich die Zeitschrift nicht abonniert hab (Metapher für unsere unfreiwillige Teilnahme am Leben)?
Was hierbei auch oft vergessen wird, ist folgendes: Es wird oft gesagt, wenn jemand sich umgebracht hat, er hat sich umgebracht nur weil er eine Krebsdiagnose bekommen hat oder nur weil die Freundin Schluss gemacht hat oder nur weil er seinen Job verloren hat. Was völlig ignoriert wird, ist die komplette Vorgeschichte dieser Person. Wer weiss denn schon was diese Person schon alles durchgemacht hat, vor der Krebsdiagnose, vor der gescheiterten Beziehung, vor dem Jobverlust. Irgendwann kam dann eben der eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Bei mir ist es zum Beispiel so, dass eine Krebsdiagnose durchaus der letzte Tropfen sein könnte. Denn ich habe jetzt schon so viele Freunde und Bekannte elendig krepieren sehen, teilweise über Jahre hinweg, dass ich mir das nicht antun will. Ich würde vielleicht eine einzige Chemotherapie über mich ergehen lassen, aber wenn der Dreck dann nach ein paar Jahren wieder zurück kommt, würde ich sagen: No thanks. Denn in allen Fällen, die ich kenne, wo sich Metastasen gebildet haben, sind die Abstände dann rapide immer kürzer geworden, so dass, wenn die jeweilige Person nicht gerade unter der Krankheit selber gelitten hat, sie mit den schweren Schäden zu kämpfen hatte, die eine Chemotherapie im Körper anrichtet. Am Ende war dann gar nicht mehr klar, was ihn jetzt letztlich umgebracht hat - die Krankheit oder die Behandlung. Das ist so ein Elend, auch für die Angehörigen. Gerade in solchen Fällen wäre es doch für alle Beteiligten das beste, wenn es unkomplizierten Zugang zu Nembutal geben würde. Denn wenn man erst mal so flach liegt, wie die Leute, die ich kannte, dann hat man gar nicht mehr die Kraft, es anders zu beenden. Vielleicht schafft man es noch mit Müh und Not, sich zum Fenster zu schleppen, aber das bringt auch nur was, wenn man im dritten Stock oder höher liegt.
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