Warum wird soviel Leid ertragen?

Themenbezogene Diskussionen, die sich nicht nur auf eine Person beziehen; Ursachen und Auslöser für Depressionen und Daseins-Ängste; Bewältigungsstrategien bei Lebensmüdigkeit; psychische Krankheitsformen; Suchtkrankheiten; Alkohol-, Drogen- und Medikamenten-Abhängigkeit; Beziehungsprobleme

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Erloesung
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Warum wird soviel Leid ertragen?

Beitrag von Erloesung »

Hallo,

ich frage mich immer wieder, warum von den Menschen überhaupt so viel Leid ertragen wird.

Ich kenne Menschen in meinem Umfeld, die wirklich sehr leiden und dies auch offenkundig so sagen, und trotzdem ist Suizid für diese Menschen keine Option. Dies verstehe ich nicht. Es hängt wohl damit zusammen, dass der Mensch so "programmiert" wurde, dass das überleben das wichtigste ist, und somit auch extremes Leid in Kauf genommen wird.

Ich finde diese "Programmierung" sowas von sadistisch. Es gibt zwar ein paar Leute, die diese "Programmierung" durchschauen und sich nicht austricksen lassen, aber meiner Erfahrung nach sind das nur sehr wenige Menschen.
Teilweise hängt ja diese Angst vor dem Suizid mit grausamen Methoden zusammen, aber heutzutage gibt es ja mehrere Methoden, die relativ human und sanft sind. Also kann dieses Argument auch nicht gelten.

Seht ihr das auch so, dass die Menschen sich einfach zuviel "vom Leben gefallen" lassen?
Ich kann das einfach nicht verstehen, wie Menschen sich soooviel vom Leben gefallen lassen. Ja, auch ich lasse mir vom Leben viel Leid gefallen, aber das hat auch nur den Grund, weil ich meine Mutter nicht im Stich lassen möchte.

Wie seht ihr das?
Lalelu123
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Registriert: Dienstag 23. September 2014, 13:47

Re: Warum wird soviel Leid ertragen?

Beitrag von Lalelu123 »

Ich verstehe absolut was du meinst, bin auch der selben Meinung.
Das Menschen so ,,programmiert,, sind hast du schön gesagt.
Ich kann gerade nur von mir sprechen und befinde mich in der Situation, dass ich der Meinung bin, es nicht anders verdient zu haben.
Sogar Suizidversuche sind z.B. mit Polizeieinsätzen geendet, obwohl ich natürlich drauf geachtet habe das mich keiner sieht oder findet. Wie auch immer, ich denke du weisst was ich meine.
Wahrscheinlich sind manche Menschen dazu gedacht so zu leben.
Dissolved_Alice
Beiträge: 173
Registriert: Donnerstag 16. Juli 2015, 05:50
Wohnort: irgendwo dazwischen

Re: Warum wird soviel Leid ertragen?

Beitrag von Dissolved_Alice »

Erloesung hat geschrieben:Hallo,

ich frage mich immer wieder, warum von den Menschen überhaupt so viel Leid ertragen wird.

Ich kenne Menschen in meinem Umfeld, die wirklich sehr leiden und dies auch offenkundig so sagen, und trotzdem ist Suizid für diese Menschen keine Option. Dies verstehe ich nicht. Es hängt wohl damit zusammen, dass der Mensch so "programmiert" wurde, dass das überleben das wichtigste ist, und somit auch extremes Leid in Kauf genommen wird.


Wie seht ihr das?
Jeder leidet. Manche offenkundig. Viele im stillen für sich. Aber JEDER hat seine Päckchen zu tragen.
Das ist das Leben.

Und man erträgt unglaublich viel an Leid. Jeder hat da seine Grenze. Es gibt ja auch genügend, die es schaffen sich umzubringen, wenn die Grenze erreicht ist.

Wenn Suizid keine Option ist, dann leiden diese Menschen innerlich noch nicht genug. Oder sie geben es halt nicht offen zu.

Und dann kommt es natürlich auch noch darauf an, wie man mit seinem Leiden umgeht. Ist halt jeder anders gestrickt.

Es soll ja auch Menschen geben, die tatsächlich gerne l e b e n. Die haben dann wahrscheinlich genug Positives um das Negative auszugleichen.

Ich leide auch sehr. Aber schau ich mich mal um, seh ich immer direkt so viele, die wohl noch vieeeeel mehr ertragen müssen. Aber vielleicht anders damit umgehen.
Manchmal bin ich dann auch dankbar für die positiven Dinge, die man ja meistens gar nicht so richtig wahrnimmt...

Und ganz WAHR ist folgendes Zitat von keine Ahnung wem, das ich mir oft irgendwo ins Gedächtnis rufen muss:

ES GIBT NIEMAND ANDEREN ALS DICH, DER DICH QUÄLT

Das Leben ist ein ?. Die Menschheit auch. Weiss auch net, was das alles hier soll.

Muss halt es beste draus machen. irgendwie
Erloesung
Beiträge: 281
Registriert: Montag 26. Januar 2009, 00:00

Re: Warum wird soviel Leid ertragen?

Beitrag von Erloesung »

@Lalelu123

Darf ich fragen, wie alt du bist?
Weil dieses "nicht anders verdient zu haben" klingt ja eher.. komisch. Warum solltest du es verdient haben, zu leiden?
Und dass deine Suizidversuche immer mit Polizeieinsätzen geendet sind, naja, ich will dir nicht zu nahe treten, aber dann war das nicht gut durchdacht dein Plan.

@Dissolved_Alice

Dass jeder Mensch leidet, will ich überhaupt nicht bestreiten. Aber bei mir ist es z.B. so, dass mein Leben mit 22 Jahren eigentlich ganz okay war. Natürlich gab es damals auch Leid, aber im Gegensatz zu jetzt (10 Jahre später) kann man ja einen Vergleich ziehen. Und jetzt ist das Leid einfach sowohl quantitativ mehr und auch von der Qualität her ist das Leid viel massiver.

Und so ist es auch bei den meisten Menschen, denke ich. Man kann es in so eine Skala von 0 bis 10 einteilen. Mit 22 Jahren hatte ich z.B. 2 Punkte Leid (also eher gering) und jetzt habe ich 9 Punkte Leid, wenn ich das so definieren müsste.
Verstehst du das, was ich meine?

Du sprichst von positiven Dingen.. Also wenn ich in meinem Leben die positiven und negativen Dinge vergleiche, dann ÜBERWIEGEN die negativen Dinge definitiv leider.

"Das Leben ist ein unzulässiges Wort. Die Menschheit auch. Weiss auch net, was das alles hier soll.

Muss halt es beste draus machen. irgendwie"


Ich hab meine Oma, Opa, Vater und Mutter gefragt, was das Leben hier überhaupt soll und auch sie wissen eigentlich keine Antwort. Und auch ich weiss -wie du- nicht, was ich hier soll. Und selbst WENN es z.B. einen "Auftrag" bzw. Sinn im Leben gäbe, dann steht es einem ja frei, ob man diesen "Auftrag" ausführen muss/sollte.

Und "man muss das beste draus machen". Das sagt mein Bruder auch immer zu mir. Aber warum sollte man nicht Suizid in Erwägung ziehen?
Vorallem man weiss ja auch garnicht, was die Zukunft bringt. Angenommen man ist jetzt 30 Jahre und hat die Entscheidung sich umzubringen und man macht es nicht. Dann lebt man 35 Jahre weiter, bis man 65 Jahre alt ist. Und dann sagt man als älterer Mann "Mensch, hätte ich bloß damals mit 30 Jahren es beendet, dann wäre mir sehr viel Leid erspart geblieben".

Natürlich könnte in diesen 35 Jahren auch Glück und positive Dinge passieren. Muss jeder selber wissen.
Was ich noch sagen wollte: Die meisten Menschen, wenn sie z.B. spazieren gehen und die schöne Natur sehen, also grüne Bäume etc., dann sagen ja viele "oh wie schön die Natur doch ist".
Aber diese Menschen vergessen auch immer, dass GENAU diese Natur uns Menschen geschaffen hat. Und genau diese Natur auch das Leid im menschlichen Organismus "eingebaut" hat. Deshalb ist es jetzt so, wenn ich spazieren gehe und einen schönen See oder so sehe, dass ich dann nicht mehr so positiv darüber denke. Denn diese Natur ist verdammt nochmal schuld an EXTREMEN Leid. :(
Erloesung
Beiträge: 281
Registriert: Montag 26. Januar 2009, 00:00

Re: Warum wird soviel Leid ertragen?

Beitrag von Erloesung »

Ich glaube, ich weiss nun teilweise, warum soviel Leid ertragen wird.

Weil fast niemand Suizid begeht (ja, ca. 10.000 Suizide im Jahr, aber das ist im Vergleich zu 80. Mio Einwohner sehr wenig). Wenn z.B. viele Menschen Suizid begehen würden und es fast "normal" wäre, dann würden andere das auch tun.
Und der 2. Punkt: natürlich der biologische Überlebenstrieb.

Wenn man das Leben analysiert, wie ich teilweise, dann wird man automatisch "depressiv". Weil das Leben einfach schlecht "programmiert" wurde. (meine Meinung)
existenceispain
Beiträge: 23
Registriert: Samstag 15. September 2018, 00:48

Re: Warum wird soviel Leid ertragen?

Beitrag von existenceispain »

Ich denke, dass so viel Leid ertragen wird, weil wir nicht die Wahl haben.
Was wir erleben, ist gewissermaßen die Vergangenheit, weil unser Organismus einen kurzen Moment braucht um den Einfluss von außen (aus der Umwelt) in einen für uns empfindbaren (/sichtbaren) Eindruck unserer Betrachterperspektive zu übersetzen. Klar ist das vermutlich nur ein Sekundenbruchteil, aber es kommt gar nicht darauf an wie kurz dieser Moment ist. Denn was hier deutlich wird, ist die Reihenfolge, in der sich Ereignisse abspielen:
1. Einfluss von Außen auf unseren Organismus
2. Projektion eines Eindrucks in unserer Perspektive (Bild, Ton, Gedanke usw.)
3. Unsere Reaktion darauf.

2 Instanzen entscheiden immer vor uns, was als nächstes geschieht. Und darauf reagieren wir dann erst.

Für mich ist damit klar, dass das "Ich", dessen Selbsterkenntnisprozess wir auf einer Metaebene observieren ("das Ich, das in unserem Kopf herum zu denken scheint") nicht unsere tatsächliche Identität, sondern eher ein Identifikationsvorschlag ist, mit dem man nicht unbedingt einverstanden sein muss. Eine Auswahlmöglichkeit bekommt man jedoch auch nicht, weswegen es meistens praktischer erscheint, sich dem hin zu geben, weil man sich sonst depersonalisiert und damit seine Gesellschaftsfähigkeit gefährdet. Also lässt man sich überlisten von einem Automatismus, der behauptet Du zu sein und wird ein Sündenbock in einer Welt in der es angeblich Dinge wie "Schuld" und "Verantwortung" gibt, obwohl alles eher eine Darbeitung, als ein beeinflussbarer Prozess ist.

Eine in tatsächlicher Gegenwart erlebte Existenz ist für uns gar nicht vorstellbar.
Wie soll das funktionieren? Oder behauptet jemand von euch, sich VOR dem absolut gegenwärtig erlebten Moment bewusst dafür entschieden zu haben, genau das zu denken, was scheinbar gegenwärtig gedacht wurde? Wenn ja, wann war der Moment, in dem ihr das entschieden habt? Welche Auswahlmöglichkeiten gab es? Man müsste ja in der Zukunft handeln, um sobald die Gegenwart beginnt das wahrzunehmen, wofür man sich entschied.

Ich hoffe der letzte Abschnitt wirkt nicht zu wirr, sondern macht nur deutlich, dass eine tatsächlich gegenwärtig erlebte Existenz nur mittels eines extrem theoretischen Szenarios annehmbar ist, aber dessen Anwendung unseren kognitiven Horizont übersteigt.
Programmer
Beiträge: 35
Registriert: Samstag 8. September 2018, 18:01

Re: Warum wird soviel Leid ertragen?

Beitrag von Programmer »

existenceispain hat geschrieben:Ich denke, dass so viel Leid ertragen wird, weil wir nicht die Wahl haben.
Was wir erleben, ist gewissermaßen die Vergangenheit, weil unser Organismus einen kurzen Moment braucht um den Einfluss von außen (aus der Umwelt) in einen für uns empfindbaren (/sichtbaren) Eindruck unserer Betrachterperspektive zu übersetzen. Klar ist das vermutlich nur ein Sekundenbruchteil, aber es kommt gar nicht darauf an wie kurz dieser Moment ist. Denn was hier deutlich wird, ist die Reihenfolge, in der sich Ereignisse abspielen:
1. Einfluss von Außen auf unseren Organismus
2. Projektion eines Eindrucks in unserer Perspektive (Bild, Ton, Gedanke usw.)
3. Unsere Reaktion darauf.

2 Instanzen entscheiden immer vor uns, was als nächstes geschieht. Und darauf reagieren wir dann erst.

Für mich ist damit klar, dass das "Ich", dessen Selbsterkenntnisprozess wir auf einer Metaebene observieren ("das Ich, das in unserem Kopf herum zu denken scheint") nicht unsere tatsächliche Identität, sondern eher ein Identifikationsvorschlag ist, mit dem man nicht unbedingt einverstanden sein muss. Eine Auswahlmöglichkeit bekommt man jedoch auch nicht, weswegen es meistens praktischer erscheint, sich dem hin zu geben, weil man sich sonst depersonalisiert und damit seine Gesellschaftsfähigkeit gefährdet. Also lässt man sich überlisten von einem Automatismus, der behauptet Du zu sein und wird ein Sündenbock in einer Welt in der es angeblich Dinge wie "Schuld" und "Verantwortung" gibt, obwohl alles eher eine Darbeitung, als ein beeinflussbarer Prozess ist.

Eine in tatsächlicher Gegenwart erlebte Existenz ist für uns gar nicht vorstellbar.
Wie soll das funktionieren? Oder behauptet jemand von euch, sich VOR dem absolut gegenwärtig erlebten Moment bewusst dafür entschieden zu haben, genau das zu denken, was scheinbar gegenwärtig gedacht wurde? Wenn ja, wann war der Moment, in dem ihr das entschieden habt? Welche Auswahlmöglichkeiten gab es? Man müsste ja in der Zukunft handeln, um sobald die Gegenwart beginnt das wahrzunehmen, wofür man sich entschied.

Ich hoffe der letzte Abschnitt wirkt nicht zu wirr, sondern macht nur deutlich, dass eine tatsächlich gegenwärtig erlebte Existenz nur mittels eines extrem theoretischen Szenarios annehmbar ist, aber dessen Anwendung unseren kognitiven Horizont übersteigt.
Sehe ich auch so. Der Prozess des denkens ist lediglich der Prozess von verschiedenen Hormonen, Neurotransmittern, nervensignalen und Nervenzellen und und und. Wir sind auch nur Maschinen und die Persönlichkeit kommt von größtenteils von Umwelteinflüssen. Das wir auch nur eine Art von Maschinen sind, die lebt, sieht man daher, das psychoaktive Substanzen wirken, und wir die Euphorie, die wir spüren, nicht als künstlich empfinden.
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