Was ist es wert zu sterben?

Themenbezogene Diskussionen, die sich nicht nur auf eine Person beziehen; Ursachen und Auslöser für Depressionen und Daseins-Ängste; Bewältigungsstrategien bei Lebensmüdigkeit; psychische Krankheitsformen; Suchtkrankheiten; Alkohol-, Drogen- und Medikamenten-Abhängigkeit; Beziehungsprobleme

Moderatoren: Ludwig A. Minelli, Mediator

coldtime

Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von coldtime »

Nabend.

Immer wieder hört/liest man Sachen wie: Er/Sie ist es nicht Wert für ihn/sie zu sterben. Dies und das ist doch kein Grund zu sterben.
Du weißt nicht was Schmerz ist, du hast nie grausames erlebt.. Zb. Krieg

Wer entscheidet über den Wert des sterbens? Wieviel Gewicht haben die Gründe? Gibt es für alle nachvollziehbare Gründe zum Freitod?
Ein jugendlicher der von seiner ersten Freundin verlassen wird und im affekt aus Liebeskummer unzulässiges Wort begeht, war es das wert?

Wie misst man das Leid, wer hat das "Recht" und den Wert sterben zu können(dürfen). Was spielen eigene Kinder für eine Rolle, "muss" man für sie weiterleben? Was ist mit Familie?

Ist es ehrenvoll im Krieg für die "rechte" Sache zu sterben? Ist es wert für jemand anderen zu sterben um so sein Leben zu retten? Zb. bei einem Unfall
Was für eine Rolle haben physische und psychische Krankheiten, hat ein "gesunder" weniger Wert zu gehn als ein "kranker"?
Vor wem kann man/muss man sich rechtfertigen, nicht hauptsächlich vor sich selbst?

Fragen über Fragen, die ich gerne mit euch klären würde.

Ich selbst kann mir einige Fragen nur schwer halbwegs zufriedenstellend beantworten.
Was ist es wert zu sterben?
Peterchen
Beiträge: 738
Registriert: Freitag 30. Januar 2015, 13:02

Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von Peterchen »

Sterben hat keinen "positiven" Wert. Es geht nur darum, den Unwert des Lebens bzw. des damit verbundenen Leids loszuwerden.

Ob der Suizid vernünftig ist, hängt nicht nur davon ab, wie sehr man leidet, sondern auch davon, ob diesem Leid überhaupt noch echte Freuden, die das Leid möglicherweise aufwiegen können, gegenüberstehen. Bei mir ist das zum Beispiel eindeutig nicht der Fall. Ich leide seit 12 Jahren sehr stark, wüsste aber aus dieser Zeit keinen einzigen Tag, den ich gerne noch mal erleben würde. Es gab Zeiten, in denen ich weniger gelitten habe als in anderen, aber es gab kein Erlebnis, von dem ich heute sagen könnte: Wäre ja schon schade, wenn ich das nicht erlebt hätte. Am besten in diesen 12 Jahren waren eigentlich die Stunden, die ich geschlafen habe. Hätte ich jeden Tag 20 Stunden bewusstlos und nur 4 wach sein können, dann hätte ich eine bessere Zeit gehabt. Also ist es ein vernünftiger Schluss, dass es noch besser gewesen wäre, wenn ich 24 Stunden am Tag bewusstlos gewesen wäre. Und nichts anderes ist ja der Tod.

Und solche Sprüche:
Du weißt nicht was Schmerz ist, du hast nie grausames erlebt.. Zb. Krieg
halte ich für sinnlos.

Denn erstens weiß niemand, wie sehr ein anderer Mensch leidet. Und dass psychisches Leid mit körperlichem Leid durchaus mithalten kann, sollte inzwischen bekannt sein.

Zweitens muss man nicht unerträglich leiden, damit der Freitod zu einer vernünftigen Option wird. Das angemessene Vergleichsobjekt ist nicht die unerträgliche Qual, sondern ein friedlicher, dauerhafter Schlaf. Nur wenn das Leben deutlich besser ist als die Aussicht, dauerhaft schlafen zu können, würde ich es dem Tod vorziehen. Deshalb kann aus meiner Sicht schon ein langweiliges und freudloses, wenn auch nicht gerade qualvolles Leben schlechter sein als dauerhafte Bewusstlosigkeit.


Nur das wirklich glückliche Leben würde ich einem Zustand völliger Schmerz- und Bewusstlosigkeit vorziehen. Allerdings ist selbst der Verlust eines solchen Lebens im Grunde kein Übel, da er keinen Mangel hinterlässt. Dazu mal wieder Schopenhauer:

"Verloren zu haben was nicht vermißt werden kann, ist offenbar kein Uebel: also darf das Nichtseynwerden uns so wenig anfechten, wie das Nichtgewesenseyn. "
Springer

Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von Springer »

Peterchen hat geschrieben: Es gab Zeiten, in denen ich weniger gelitten habe als in anderen, aber es gab kein Erlebnis, von dem ich heute sagen könnte: Wäre ja schon schade, wenn ich das nicht erlebt hätte. Am besten in diesen 12 Jahren waren eigentlich die Stunden, die ich geschlafen habe.
Dito, wobei es bei mir "erst" so 8-10 Jahre sind.
coldtime

Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von coldtime »

Danke für deinen Beitrag Peterchen.

Also teils auch ein Vernunft Akt.
Springer

Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von Springer »

Letztendlich ist "Schlaf" aber auch verharmlosend. Denn damit verbindet man doch, dass man irgendwann wieder aufwacht.

Kann es sein, dass der Überlebenstrieb so stark ist, dass man wider alle Vernunft krampfhaft nach Gründen sucht, dass man es nicht vollzieht?

Aber ich bleibe dabei, wer von "Schlaf" redet, der wird sich nicht töten.
coldtime

Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von coldtime »

Wird der Überlebenstrieb nicht dann aktiv wenn man kurz vor der Ausführung steht?! War bei mir öfter so..
Dem kann ich nicht zustimmen wieso denkst du das Springer? Danke für deinen Beitrag.
Abendstern
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Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von Abendstern »

Springer hat geschrieben:Letztendlich ist "Schlaf" aber auch verharmlosend. Denn damit verbindet man doch, dass man irgendwann wieder aufwacht.
"Schlafes Bruder" fällt mir dazu ein. Den Film habe ich nie gesehen, aber heißt es nicht, daß der Schlaf der kleine Bruder des Todes ist?

So ganz genau werden wir das vermutlich nie wissen, aber immerhin haben beide im Idealfall gemeinsam, daß man in diesen Momenten frei von den Leiden des Lebens ist. Sofern man nicht gerade unter Alpträumen leidet...

Auch die Gehirnwellen-Aktivität verlangsamt sich ja im Schlaf. Und wenn gar nichts mehr davon da ist, macht es bieeeep ...
Abendstern
Beiträge: 621
Registriert: Montag 28. September 2015, 08:03

Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von Abendstern »

coldtime hat geschrieben:Was ist es wert zu sterben?
Eine interessante Fragestellung. Ich denke, von "Wert" kann man hier nicht direkt sprechen. So wie sich der Körper beim Broken Heart Syndrome quasi selbst suizidiert, ist in anderen Fällen ebenfalls ein unertragbarer Zustand eingetreten, zu dessen Beendigung jedoch noch die eigene Hand vonnöten ist. Wann dieser erreicht ist, ist bei jedem sicherlich anders und von vielen individuellen Faktoren abhängig. Hinzu kommen kulturelle Unterschiede. Ein Samurai hat andere Beweggründe als ein Traumapatient, ein Rollstuhlfahrer oder ein Pleite-Bankier. In manchen Fällen wäre alles wieder gut geworden, in anderen nicht. Es ist so schwer zu beurteilen. Letzten Endes zählt nur der Augenblick. Das ist es zumindest, was ich gelernt habe. Sicherheit gibt es im Leben nicht. Und von daher vielleicht auch nichts von "Wert". Sondern nur aktuelle Zustände und Entscheidungen...?
Peterchen
Beiträge: 738
Registriert: Freitag 30. Januar 2015, 13:02

Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von Peterchen »

Springer hat geschrieben:Letztendlich ist "Schlaf" aber auch verharmlosend. Denn damit verbindet man doch, dass man irgendwann wieder aufwacht.
Nicht wenn man ausdrücklich von einem "dauerhaften Schaf" spricht.

Ich kann versichern: Was ICH am Schlaf mag, ist nicht, dass ich wieder aufwache, sondern dass ich zwischendurch weg bin. Ich wüsste wirklich nicht, was schlecht daran gewesen wäre, wenn ich z.B. heute morgen nicht mehr aufgewacht wäre.
Kann es sein, dass der Überlebenstrieb so stark ist, dass man wider alle Vernunft krampfhaft nach Gründen sucht, dass man es nicht vollzieht?
Das Phänomen gibt es, aber ich weiß nicht, was es mit der Schlaf-Metapher zu tun hat.

Dass ich diesen Vergleich gerne benutze, liegt daran, dass er die eigentliche Harmlosigkeit des Nichtseins so gut auf den Punkt bringt. Das dramatische Wort "Tod" ist dagegen richtig vollgesogen mit falschen Bildern und Assoziationen.
Aber ich bleibe dabei, wer von "Schlaf" redet, der wird sich nicht töten.
Abwarten :mrgreen:
coldtime

Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von coldtime »

Den Wert misst man wohl auch an der Situation und dem aktuellen Zustand.
Dauerhafter Schlaf klingt gut, wollen bestimmt einige, ohne zwingend dabei ans sterben zu denken.
Das Leben kann nunmal sehr anstrengend und belastend sein, man will nur (aus)ruhen
Springer

Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von Springer »

Ich war bei meinem Posting nicht mehr so ganz geistig präsent. Bitte berücksichtigen..
coldtime

Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von coldtime »

Wär auch kein Problem, ich wollte nur mehr deine Meinung dazu wissen.

Sag auch mal was dazu.

Hätte durchaus seinen Wert für einen anderen sein Leben zu lassen, die Hintergründe spielen dabei natürlich eine Rolle, zb. Organspende
Der Grund für seinen Freitod wählt wohl jeder individuell, für die einen Geldnot, für andere Krankheit, für andere Schmerz, oder auch(vermeintliche)Schwäche, Ängste..
Schmerz empfindet jeder anders, völlig unterschiedlich. Die einen können sich ohne eine Gefühlsregung verbrennen, die anderen drehen halb durch, weil mit Buttermesser geschnitten..

Ja, wie gesagt. Bin der Meinung, das derjenige über dessen Wert entscheidet, den Rest übernehmen die hinterbliebenden.
Nicht für alle gibt es einen nachvollziehbaren Grund, irgendwo hört immer das Verständnis auf. Der jugendliche hat wohl zu vorschnell gehandelt, zu impulsiv, aber wer weiß das schon so genau.. Vielleicht hätte er sich nie mehr davon erholt und wäre Jahrelang tief unglücklich..

Wie man es misst? Na mit einem Schmerzthermometer
:roll:
Finde jeder hat theoretisch das Recht sterben zu dürfen..

Gut Frage, nächste Frage..

Wird immer für jemanden schmerzhaft sein, das kann man leider kaum verhindern.

Naja, meins wärs nicht, für andere ist es ehrenvoll für sein Land gekämpft zu haben.. Aber wir vergessens nie: Krieg ist böse!
Manche reden auch von einem https://de.m.wikipedia.org/wiki/Bilanzsuizid

Hm, zu viele Fragen.. Wofür stirbt man tatsächlich? Nicht in erster Linie für sich selbst?! Zu entkommen, zu fliehen, zu weichen, nicht mehr zu sein. Etwas passt nicht, stimmt nicht, stört massiv, kriegt man es mit normalen Mitteln nicht hin, kämpft und kämpft, versucht, probiert, was bleibt dann noch? Nicht einfach nur die Erschöpfung, der Wille oder gar der Drang zu ruhen, zu schlafen?! Und so will man doch im Grunde nur seine Ruhe, vielleicht gar wieder in einen Zustand den man eins hatte und kannte, zb. die Kindheit..

Was kann einen Menschen so dermaßen belasten, das er tatsächlich den letzten endgültigen Schritt gehen will. Sein eigenes Leben zu beenden, so ein massiver Gewalttätiger Akt gegen sich selbst. Nun, mache später weiter..
coldtime

Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von coldtime »

Auch das empfindet jeder anders. Ich zb. bin sehr sensibel, was mich schnell fertig macht. Emotional oft so im Eimer, das schnell aus einer Mücke ein Elefant wird. Doch die antworten sind mir dennoch nicht befriedigend genug, helft mir. Was ist es wert zu sterben?
Last Escort
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Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von Last Escort »

Die Antwort auf Deine Frage fällt mir spontan sehr einfach:

RUHE!

Endlich Ruhe zu haben, das ist es wert zu sterben.
Last Escort
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Wohnort: BW

Re: Was ist es wert zu sterben?

Beitrag von Last Escort »

Coldtime, vielen Dank für den Interessanten Beitrag.
Ich möchte Dir gerne ein paar Gedanken dazu mitteilen. Alles nur meine persönliche Meinung, da denkt sicher jeder anders darüber.

Die Frage "Was ist es wert zu sterben" in die Umkehr von "Was ist es wert zu leben". Findest Du hierauf keine für Dich sinnstiftenden, zufriedenstellenden oder sonstwie positiven Werte in deinem Leben, so ist es ALLES wert zu sterben, denn NICHTS ist es wirklich wert zu leben. Und das entscheidet jeder für sich. Man muss sich vor niemandem dafür rechtfertigen, nicht mal vor sich selbst.

Leid bemisst jeder für sich individuell, es gibt keine allgemeingültige Messskala. Und wie viel jeder ertragen kann ist auch sehr individuell. Ob man selbst sterben kann/darf ist jedem selbst überlassen, das ist keine Frage ob man im gesellschaftlichen Sinne das Recht dazu hat.

Kinder, Partner, Familie spielen für mich bei der Entscheidung "zu gehen" und vor allem auf das "wie gehen" eine zentrale Rolle. Man "muss" nicht für jemand anderes weiterleben, aber man ist sich leider der Konsequenzen der eigenen Entscheidung zu gehen auf andere schmerzlich bewusst. Klar, wenn man nicht mehr ist, juckt einen das nicht mehr, aber auf dem Weg dahin ist es doch ein ordentlicher Bremsklotz. Ich habe z.B. diejenigen nie verstanden, die sich dort "entsorgt" haben, wo sie gleich als erstes von ihren Angehörigen entdeckt werden - das muss doch nicht sein.

Ehre und Krieg, diese beiden Wörter gehen nicht zusammen. Es gibt nichts ehrenvolles am Krieg - nur Verlierer.

Es mag einen gewissen Sinn ergeben, wenn jemand ohne Lebenswillen das Leben von jemand rettet, dem was an seinem Leben liegt. Das dann als ehrenvoll zu bezeichnen wäre irgendwie schmierig, denn jeder ist dabei nur auf seinen Vorteil aus.

Also was ist es wert dafür zu sterben? - ein besseres Leben.
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