Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

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Lena-Marie
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Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Lena-Marie »

Ich mach mal ein eigenes Thema auf, da ich denke, es wird regen Zulauf haben... :wink:

Ich möchte mal mit diesem Gedicht beginnen und euch fragen, wie interpretiert ihr das?

Wie meint er das?

Und wie wirkt das auf euch?

Man stirbt für einen Dom,
nicht für Steine.

Man stirbt für ein Volk,
nicht für eine Menge.

Man stirbt aus Liebe zum Menschen,
wenn er der Schlussstein im Gewölbe
einer Gemeinschaft ist.

Man stirbt für das allein, aus dem man leben kann.

(Antoine de Saint-Exupéry)
Als ich als junges Mädchen sein Buch "Der kleine Prinz" gelesen habe, war ich spontan verliebt in diesen Mann.

Ich habe auch deshalb sein Gedicht hier eingestellt, da in Zusammenhang mit seinem Tod (Flugzeugabsturz in der Sahara) auch immer wieder das Thema "Suizid" diskutiert wurde (in dem Buch "Der kleine Prinz" ist auch der Tod Thema, nach vorausgegangenem Flugzeugabsturz)

http://de.wikipedia.org/wiki/Antoine_de ... up%C3%A9ry

Bitte helft mir mal bei der Interpretation...
Lena-Marie
Beiträge: 721
Registriert: Mittwoch 16. Mai 2012, 07:50

Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Lena-Marie »

Keiner eine Idee?

Oder bin ich in Ungnade gefallen und ihr habt mich jetzt alle auf eurer Ignore-Liste? :cry:
Thanatos
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Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Thanatos »

Im Interpretieren von Gedichten war ich nie gut, obwohl ich nie meine eigene Meinung offen zu äußern wagte, sondern zu ergründen versuchte, was der Lehrer wohl hören will. Oder vielleicht war ich gerade deshalb nie gut darin? :mrgreen:
Aaaalso, mein Senf zu diesem Gedicht ist kurz: Es gefällt mir nicht! Ich fühle mich durch das „man“ provoziert. Falls ich für etwas sterben würde, dann möchte ich doch bitteschön selbst entscheiden, wofür das sein soll, anstatt es mir von einem Dichter vorschreiben zu lassen.
Es grüßt der Thanatos
Thanatos
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Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Thanatos »

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

[H.Hesse]


Interpretationen dazu lassen sich im Net finden. :)
avira
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Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von avira »

H. Hesse ist immer wieder ein neues Erkennen für mich -----.

Mein Denken über
"allein"
------------------------------------------------------------------------
allein = all eins (in sich vollständig)
und
einsam = ein Same (der noch nicht aufgegangen ist)
------------------------------------------------------------------------

_/\_ avi
Lena-Marie
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Registriert: Mittwoch 16. Mai 2012, 07:50

Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Lena-Marie »

Thanatos hat geschrieben:Im Interpretieren von Gedichten war ich nie gut, obwohl ich nie meine eigene Meinung offen zu äußern wagte, sondern zu ergründen versuchte, was der Lehrer wohl hören will. Oder vielleicht war ich gerade deshalb nie gut darin? :mrgreen:
Aaaalso, mein Senf zu diesem Gedicht ist kurz: Es gefällt mir nicht! Ich fühle mich durch das „man“ provoziert. Falls ich für etwas sterben würde, dann möchte ich doch bitteschön selbst entscheiden, wofür das sein soll, anstatt es mir von einem Dichter vorschreiben zu lassen.
Es grüßt der Thanatos
Könnte es sein, dass das, was er schreibt, in bezug auf den Weltkrieg zu sehen ist, den er erlebte?

(vielleicht ist darin auch die Motivation für den evtl. Suizid verborgen)

Stimmt, das "man" ist unglücklich gewählt. Ich denke aber, er meinte damit lediglich sich selber.

Danke für deinen Senf, nun weiss ich wenigstens, dass ich auf deiner Ignore-Liste (noch :mrgreen: ) nicht bin :wink:
Lena-Marie
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Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Lena-Marie »

avira hat geschrieben:H. Hesse ist immer wieder ein neues Erkennen für mich -----.

Mein Denken über
"allein"
------------------------------------------------------------------------
allein = all eins (in sich vollständig)
und
einsam = ein Same (der noch nicht aufgegangen ist)
------------------------------------------------------------------------

_/\_ avi
Das gefällt mir!

Das mit dem "all eins" kannte ich schon, aber diese Beschreibung des Wortes "einsam" noch nicht.
Lena-Marie
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Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Lena-Marie »

Thanatos hat geschrieben:

Interpretationen dazu lassen sich im Net finden. :)
Zu meinem finde ich nichts. :(
Thanatos
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Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Thanatos »

Lena-Marie hat geschrieben:...
Könnte es sein, dass das, was er schreibt, in bezug auf den Weltkrieg zu sehen ist, den er erlebte?

(vielleicht ist darin auch die Motivation für den evtl. Suizid verborgen)

...
Es könnte vieles sein, aber wir werden es nicht erfahren, was er wirklich meinte.
Dabei fällt mir ein, was Zuckmayer einmal in einem Interview sagte. Ihm täten die armen Schüler leid, die immer wieder herauszufinden hätten, „was sich der Autor dabei dachte“. Zuckmayer meinte, er würde sich oft gar nichts dabei denken, was er so schreibt.
Beste Grüße,
Thanatos
Grenzwelten
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Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Grenzwelten »

Ich bin
zur Welt gekommen
und bin nun endlich
so weit
laut zu fragen
wie ich dazukomme
zu ihr zu kommen

Sie kommt
und sagt leise:
Du kommst nicht
du bist schon im Gehen


(Erich Fried)
Thanatos
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Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Thanatos »

Der Tod und das Mädchen

Das Mädchen:
Vorüber! Ach vorüber!
Geh, wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh Lieber!
Und rühre mich nicht an.

Der Tod:
Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund und komme nicht zu strafen.
Sei gutes Muts! ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen!

(Matthias Claudius)
Lena-Marie
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Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Lena-Marie »

(dieses lieb ich total)

Der Tod der Geliebten

Er wußte nur vom Tod was alle wissen:
daß er uns nimmt und in das Stumme stößt.
Als aber sie, nicht von ihm fortgerissen,
nein, leis aus seinen Augen ausgelöst,

hinüberglitt zu unbekannten Schatten,
und als er fühlte, daß sie drüben nun
wie einen Mond ihr Mädchenlächeln hatten
und ihre Weise wohlzutun:

da wurden ihm die Toten so bekannt,
als wäre er durch sie mit einem jeden
ganz nah verwandt; er ließ die andern reden

und glaubte nicht und nannte jenes Land
das gutgelegene, das immersüße -.
Und tastete es ab für ihre Füße.


(Rainer Maria Rilke)
Thanatos
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Registriert: Freitag 5. Februar 2010, 10:48

Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Thanatos »

Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der
schreibt der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus und spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

(Paul Celan)
berlinichbins
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Registriert: Dienstag 25. September 2012, 11:37

Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von berlinichbins »

@lena-marie:

Man stirbt für einen Dom,
nicht für Steine.

Man stirbt für ein Volk,
nicht für eine Menge.

Man stirbt aus Liebe zum Menschen,
wenn er der Schlussstein im Gewölbe
einer Gemeinschaft ist.

Man stirbt für das allein, aus dem man leben kann.

(Antoine de Saint-Exupéry)

Wenn ich anfange ein Gedicht zu interpretieren, dann interpretiere ich es immer für mich. Was anderes geht wohl nicht. Deshalb sind Gedichte für mich ein Türöffner zum Selbst, nicht aber zu dem Schriftsteller. und wenn, es exakt das ist, was der dichter damit aussagen wollte - dann ists wohl zufall :D Dieses Gedicht ruft in mir folgendes hervor: "man stirbt für einen dom, nicht für steine" - ein dom besteht aus steinen, aber genau eben für diesen einen speziellen dom sterbe ich. zu ihm habe ich eine verbindung. er ist etwas besonderes.
"man stirbt für ein volk, nicht für die menge" - die menge ist alles, viele menschen zu denen ich keine verbidung habe, sind die menge und für die lohnt es sich nicht zu sterben. doch für das eine spezielle volk, vielleicht sogar in dem ich dinge bewirken konnte/eine verbindung habe, für dieses lohnt es sich auch zu sterben.
"man stirbt aus liebe zum menschen, wenn er der schlussstein im gewölbe einer gemeinschaft ist" - hmm, da muss ich nachdenken, kommt nicht spontan was hoch,...ok ich sterbe nicht für den menschen, der mir egal ist, sondern nur für den menschen mit dem mich die liebe verbindet. und dieser mensch ist so wertvoll, ohne ihn würde die gemenischaft nicht vollkommen werden. für mich hebt es wert eines indiviuums hervor, auch wenn alles gleich miteinander verbunden ist.
"man stirbt für das allein, aus dem man leben kann" - fässt die aussage der letzten strophen knackig zusammen: ich sterbe/lebe für die dinge, zu denen ich eine verbindung herstellen kann, die mich erfüllen. es geht um das individuelle, spezielle, nicht um die 90% der gesellschaft, die den"müll" leben. es geht um die, die den unterschied machen und für die es sich lohnt zu leben/sterben. all das wofür ich mein leben geben würde, für lohnt es sich zu leben und daraus heraus lebe ich.

ui, das war nun in 10 min. zusammengeschrieben, aber vielleicht kommt das herüber, was ich darin spüre.
Lena-Marie
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Registriert: Mittwoch 16. Mai 2012, 07:50

Re: Gedichte zum Thema "Sterben" und "Tod"

Beitrag von Lena-Marie »

Oh, wie lieb von dir, dass du mir dazu geschrieben hast!!! Vielen Dank!

Ich les mir das in ein paar Stunden, spätestens morgen durch und antworte dir dann.

Ich hab mir auch schon ein paar Gedanken über dieses Gedicht gemacht, die ich dann auch aufschreiben werde, vielleicht kommen wir Saint-Exupéry dann näher .

Danke!!!
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