Ist Selbsttötung je berechtigt?

Meinungs- und Erfahrungsaustausch zum Thema Suizid; Berichte über gescheiterte Suizidversuche; suizidales Verhalten; Leben mit Suizidgedanken; Hilfestellungen

Moderatoren: Ludwig A. Minelli, Mediator

Abendstern
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Abendstern »

Lovecraft hat geschrieben: ich wurde gewogen - und für zu leicht befunden, heute bin ich eine Art Ruine aus dem kalten Krieg der bürgerlichen Gesellschaft, ein Relikt, ein ausgebranntes Etwas, eine Art von Tschernobyl in Menschengestalt...
Wow. Das könnte man sich direkt einrahmen...
Peterchen
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Peterchen »

@Lovecraft: Ich hab dir mal eine PN geschrieben, aber anscheinend guckst du gar nicht in dein Postfach?
Erloesung
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Erloesung »

Man könnte die Frage natürlich auch umdrehen und sich fragen:

Ist es berechtigt, Kinder, also neue Menschen in diese Welt zu bringen?

Biologisch ist das halt möglich, aber biologisch/physikalisch ist vieles möglich.
Denn, es ist nicht so, dass man ein paar Tage oder Jahre lebt, oder leben "muss", sondern dass man z.Z. ca. 80 Jahre lebt.

Immer wenn ich Frauen mit Kinderwagen sehe, frage ich mich diese Frage.
Verloren
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Verloren »

Der Antinatalismus hat hier wieder Hochkonjunktur. Für mich stellt sich die Frage, ob Eltern schon vorher wissen können, dass es ihren Kindern später einmal sehr schlecht gehen wird. Wenn ich mein eigenes Leben betrachte, sehe ich auch viele Zufälle und stelle mir vor, dass es auch ganz anders hätte laufen können. In diesem Zusammenhang finde ich den Film "Butterfly Effect" interessant (Sorry kann leider nicht mit Weltliteratur dienen). Der Protagonist kann in die Vergangenheit reisen, anders handeln und dann sehen, welche Auswirkungen es dadurch auf sein weiteres Leben gibt. Beim ursprünglichen Ende kehrt der Protagonist in den Mutterleib zurück und tötet sich vor seiner Geburt, weil er erkennt, dass seine Existenz nur zu Leid (für sich und andere) führen würde. Aber die Vertriebsfirma bestand auf ein Happy End, so dass im Kino ein anderes Ende gezeigt wurde. Wie seht ihr das? Würdet ihr wirklich eure Geburt verhindern oder würdet ihr zu anderen Zeitpunkten eures Leben reisen und zu diesen anders handeln (wenn so was möglich wäre)? Ich würde auf jeden Fall zunächst letzteres versuchen. Das liegt auch daran, dass meine Probleme psychischer Natur sind.
Wechsel
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Wechsel »

Ja, am liebsten wäre ich nicht geboren, aufgrund meiner chronischen körperlichen Krankheit!
Dummerweise habe ich dies auch noch an mein Kind weitergegeben, da wusste ich es noch nicht....aus heutiger Sicht würde ich mich verhindern und auch das Kind, obwohl ich es sehr liebe, aber dieses Leid....
Wenn das Leben rückwärts laufen würde ( Tod, sterben, Krankheit, alter), würde man das niemanden zumuten wollen...
Dummerweise sind die meisten in der jungend gesund und "unwissend" und zu alledem banale Säugetiere, die zur Fortpflanzung hormonell getrieben werden... :| (ohne Verhütung würde es nur so wimmeln vor Kinder :shock: )
Abendstern
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Abendstern »

Verloren hat geschrieben:Der Antinatalismus hat hier wieder Hochkonjunktur.
:!:
Verloren hat geschrieben:Für mich stellt sich die Frage, ob Eltern schon vorher wissen können, dass es ihren Kindern später einmal sehr schlecht gehen wird. Wenn ich mein eigenes Leben betrachte, sehe ich auch viele Zufälle und stelle mir vor, dass es auch ganz anders hätte laufen können. ... Wie seht ihr das? Würdet ihr wirklich eure Geburt verhindern oder würdet ihr zu anderen Zeitpunkten eures Leben reisen und zu diesen anders handeln (wenn so was möglich wäre)? Ich würde auf jeden Fall zunächst letzteres versuchen.
Wenn ich mein Leben betrachte, so hätte natürlich auch einiges anders laufen können. Vor allem mit dem Wissen, das ich heute habe. Wäre ich glücklicher geworden? Ich weiß es nicht. Mit dem Wissen von heute hätte ich zwar einige Weichen anders stellen können, wäre aber natürlich ebenso desillusioniert gewesen. Und das ist wohl der schlimmste Tribut. Das Wissen um die fatalen Schattenseiten der menschlichen Natur. #depressiverealism

Auch wäre die Frage, wie oft man in die Vergangenheit reisen könnte, um Weichen neu zu justieren. Wie der Film "Sliding Doors" mit Gwyneth Paltrow sehr schön zeigt, ist und bleibt das Leben schlicht unvorhersehbar.
Erloesung
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Erloesung »

Abendstern hat geschrieben:ist und bleibt das Leben schlicht unvorhersehbar.
Das ist auch bei mir ein großer Grund. Weil im Leben muss nur ein blöder Unfall o.ä. passieren. Hab letztens übrigens in einer Zeitung den aktuellen Gesundheitszustand dieser Polizistin gelesen, die in München von einem Mann in den Kopf geschossen wurde.
Diese Polizistin ist nun im "Wachkoma".
Auch um einen berühmten ehemaligen Profi-Sportler, der einen Unfall hatte, steht es schlecht.

Vorallem, die Option, dass man in so einer Situation sich nicht mal mehr selbst das Leben nehmen könnte, verängstigt einen Menschen verständlich.
Selbst wenn man zig Patientenverfügungen, Vorsorge-Vollmachten u.ä. hatte, im Endeffekt wird viel in der BRD "getürkt" (dies ist jedoch nur eine Vermutung von mir) und dann ist man Jahrzehnte lang in so einem Zustand..
Ja, ich weiss, ich bin ein worst-case Szenario-Thinker.
Wechsel
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Wechsel »

Dachte früher auch: Worst-case betrifft nur andere...aber wir haben so viele seltene Krankheiten in unserer Familie, einer lag 3 Jahre im Wachkoma nach einem Schlaganfall im pflegeheim, blind,Taub, magensonde, sprechen ging auch nicht mehr, --- , banaler fahrradsturz..schwerst- Pflegefall, einige autoimmunerkrankungen...usw. Usw. Erreger im Gehirn usw.
Sorry, wie soll man da noch positivthinking durchführen
Ich bin jetzt selbst betroffen und ehrlich gesagt, ich will nicht weiter dahinvegetieren und immer mehr erkranken....
Dieser körperliche langsame Zerfall, gepaart mit schmerzen...übelst fies.
Ein präventiver Suizid wäre dementsprechend sinnvoll...aber die Angst vor noch mehr Schmerz und als Gemüse evtl zu überleben ist immens.
Ich finde keine Lösung.
Auf jeden Fall muss Sterbehilfe weiter propagiert werden, es trifft doch früher oder später jeden.
Glück dem, der auf der Stelle tot umfällt (prozentual jedoch kaum nennenswert)
Schlimmster Albtraum ...Wachkoma und keine Erlösung...
So what...
Erloesung
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Erloesung »

Wechsel hat geschrieben:schmerzen...übelst fies.
Helfen denn da keine Schmerzmittel?
Lovecraft
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Lovecraft »

Peterchen hat geschrieben:@Lovecraft: Ich hab dir mal eine PN geschrieben, aber anscheinend guckst du gar nicht in dein Postfach?
O.K.,sorry, hab sie gerade erst entdeckt - und dir geantwortet - hoffentlich zu deiner Zufriedenheit... :?
glycerine
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von glycerine »

bluebanana_51 hat geschrieben:Mich würden Meinungen zum Thema interessieren. Ich finde Selbsttötung in manchen Fällen definitiv berechtigt, es muss sich aber meiner Meinung nach um sehr starkes und langes körperliches oder geistiges Leid handeln. Was denkt ihr darüber? In welchen Fällen ist es okay, in welchen nicht?
Ich finde jeder Erwachsene Mensch, der geistig dazu in der Lage ist und keine minderjährigen Kinder hat sollte das für sich selbst entscheiden dürfen.
Ja, es sollte dieses Recht auf Suizid geben, und nein, ich würde das nicht auf irgendwelche Voraussetzungen beschränken. Auch ein gesunder sollte sich dazu entscheiden dürfen, es ist ein schlimmer Zustand wie das momentan noch gehandhabt wird.
Riesenschnauzer
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Riesenschnauzer »

Recht auf Suizid ist in den westlichen Gesellschaftsordnungen im Wesentlichen anerkannt. Schwierig wird es nur, wenn Dritte (oder der Staat) ins Spiel kommen, die dabei helfen sollen. Warum man aber das Recht (oder die moralische Berechtigung) des Einzelnen in Frage stellen wollte, wüsste ich nicht. Vielleicht bleibt ein Vater oder eine Mutter für ihre Kinder am Leben. Aber auch wenn so eine Person sich für einen Suizid entscheidet, würde ich mir nicht das Recht herausnehmen, darüber moralisch zu urteilen -gesellschaftlich (juristisch) schon gleich gar nicht.
Peterchen
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Peterchen »

Riesenschnauzer hat geschrieben:Recht auf Suizid ist in den westlichen Gesellschaftsordnungen im Wesentlichen anerkannt.
Theoretisch ja. Praktisch kann davon wegen drohender Zwangsunterbringung, fehlenden Zugangs zu geeigneten Mitteln und §217 StGB keine Rede sein.

Man stelle sich vor, Abtreibung wäre so geregelt wie Suizid. Das würde bedeuten, dass Ärzte keinen Abbruch durchführen dürfen, die Abtreibungspille verboten ist und Frauen, die selbst eine Abtreibung versuchen oder auch nur ankündigen, zwangsweise in die Psychiatrie verschleppt werden. Da könnte man auch nicht sagen, das Recht auf Abtreibung sei anerkannt; selbst wenn eine Frau, die einen eigenen Versuch mit der Stricknadel macht, nicht bestraft sondern "nur" zwangseingewiesen wird.
Riesenschnauzer
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Riesenschnauzer »

Stimmt schon, wobei man glaube ich sagen muss, dass man so einer (längeren) Zwangsunterbringung, trotz fortbestehenden Suizidwunsches, relativ gut entgehen kann, wenn man ein einigermaßen guter Schauspieler ist.
Peterchen
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Re: Ist Selbsttötung je berechtigt?

Beitrag von Peterchen »

Wie ist das eigentlich, wenn jemand seinen Suizidwunsch nicht verleugnet, aber völlig klar und reflektiert ist und seinen Wunsch rational begründet? Kann er dann trotzdem unbegrenzt festgehalten werden? Kennt jemand dazu Berichte oder Fallbeispiele?
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