Geschlossene Psychiatrie-Erfahrungen

Praktische Erlebnisberichte und Hilfestellungen aus der Foren-Community; erfolgreiche und gescheiterte Therapien; Erfahrungen mit Psychotherapien und Therapeuten

Moderatoren: Ludwig A. Minelli, Mediator

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Erloesung
Beiträge: 282
Registriert: Montag 26. Januar 2009, 00:00

Geschlossene Psychiatrie-Erfahrungen

Beitrag von Erloesung »

Ich war ja wie schon gesagt, ziemlich oft früher in Psychiatrien und auch öfters in der Geschlossenen.

Natürlich könnte ich hier einen Roman über die ganzen Schicksale schreiben, die man dort erlebt. Aber ich möchte hier mal über eine Szene schreiben, die ich erlebt habe.

Es war immer so, dass wenn jemand der Patienten Ärger machte (bzw. eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorlag), dass dieser dann von den Pflegern am Bett fixiert wurde. Bei Frauen haben dann meistens 4 Pfleger/innen ausgereicht, bei Männern kamen dann von der Nachbarstation immer weitere 3 Pfleger, also, wenn ein männlicher Patient fixiert wurde, waren meistens 8 Pfleger um ihn "herum", während er fixiert wurde.

Ich bin oft auf dem Flur herumgelaufen damals, deshalb kann ich das so genauso sagen.

Jedenfalls, hat mich eine Situation mal irritiert. Es war ein neuer Patient, der wegen Eigengefährdung da war. Er war in einem "normalen" Zimmer untergebracht. Ich weiss nicht, was dazu geführt hat: Jedenfalls hat dann das Personal entschieden, er müsse in das "Isolierungs"-Zimmer.

Ich hab das Szenario vom Flur aus beobachtet und er hat sich geweigert, in den Iso-Raum zu gehen. Normalerweise hätten die Pfleger nun "Verstärkung" von der Nachbarstation angefordert, um ihn zu fixieren und dann das Bett in den Iso-Raum zu schieben.
ABER:

Es war so. Es passierte nichts. Dann nach 10 Minuten kamen 4 (!) Polizeibeamte, die das Personal angefordert hatte. Diese haben dann mit den Pflegern das Zimmer betreten, und dann haben die Polizisten dem Mann klargemacht, dass "unmittelbarer Zwang" angewendet werden würde, falls er nun nicht mitkommt.
Naja, dann ist er mehr oder minder freiwillig in das Iso-Zimmer mitgegangen.

Aber mich interessiert bis heute: Warum haben die Pfleger die Polizei zur Verstärkung gerufen?
Ich hab bestimmt 10 Fixierungen mitbekommen und niemals waren da Polizisten mit dabei. Es wurde immer Verstärkung von den Nachbarstationen angefordert, aber nie die Polizei.

Hat da jemand vielleicht eine Erklärung dazu?
Hurlinger
Beiträge: 136
Registriert: Donnerstag 19. Oktober 2017, 19:41

Re: Geschlossene Psychiatrie-Erfahrungen

Beitrag von Hurlinger »

Ich kann mir nur vorstellen, dass der eine sich freiwillig in die "Geschützte" (Geschlossene heißt das wohl heute nicht mehr) begeben hat und man erst
auf Grund von Verschlechterung des Zustandes Polizeilich/Richterlich tätig werden musste um ihn gegen seinen Willen einzuschließen.
Andere werden ja schon oft Ärztlich oder Richterlich eingewiesen, und dann hat man seine Grund- bzw Bürgerrechte ja schon am Eingang abgegeben.
Nur so als Vermutung.
Erloesung
Beiträge: 282
Registriert: Montag 26. Januar 2009, 00:00

Re: Geschlossene Psychiatrie-Erfahrungen

Beitrag von Erloesung »

Hurlinger hat geschrieben:Ich kann mir nur vorstellen, dass der eine sich freiwillig in die "Geschützte" (Geschlossene heißt das wohl heute nicht mehr) begeben hat und man erst
auf Grund von Verschlechterung des Zustandes Polizeilich/Richterlich tätig werden musste um ihn gegen seinen Willen einzuschließen.
Andere werden ja schon oft Ärztlich oder Richterlich eingewiesen, und dann hat man seine Grund- bzw Bürgerrechte ja schon am Eingang abgegeben.
Nur so als Vermutung.
Hm ja, wahrscheinlich.
Wobei es mir auch nicht so wichtig ist, warum das jetzt so war damals. Mir ist das nur heute mal wieder eingefallen.

Aber ich habe letztens ein Buch über die Kinder/Jugend-Psychiatrie gelesen, wo ein Mädchen mit 13 Jahren da erstmals reinkommt, noch in halbwegs "normalen" Zustand, und sie dann mit 16 Jahren Suizid begeht. In ihren letzten Text-Aufzeichnungen meinte sie, dass die Psychiatrie sie "gebrochen" hätte.

Wobei ich nicht 100% weiss, ob die Geschichte wirklich passiert ist, aber wenn man das Buch liest, dann sind da soviele "Insider-Sachen" drin, die nur jemand wissen kann, der wirklich in der Psychiatrie war.
Falls es jemand interessiert: Buch heißt "Wie ein Mädchen in der Psychiatrie zerbricht"
Sadness
Beiträge: 209
Registriert: Donnerstag 29. April 2010, 10:26

Re: Geschlossene Psychiatrie-Erfahrungen

Beitrag von Sadness »

Also wir waren auch schon das eine oder andere Mal in der Psych,, in der letzten Zeit zum Glück nicht.
War der Patient in der Psych dort schon bekannt? Ggf. war eine gewisse Gewaltbereitschaft vorhanden, der das Personal nicht gewachsen war oder es hatte schon eine Vorgeschichte mit Angriffen, Körperverletzungen oder so. Oder der Typ hatte wer weiß was eingeworfen, also jetzt nicht gesteuert vom Personal sondern eingeschleust und stand unter Drogen oder so. Man weiß nie, einmal, als ich in der Psych war, hat auf der Nachbarstation ein Patient eine Ärztin mit einem Messer schwer am Hals verletzt. Nur als ein Beispiel von vielen, es gab immer wieder auch krasse Übergriffe aufs Personal. Und ich hab nie so viel konsumiert wie in der Psych, legal und eben mindest eben so viel anders dort hineingekommenes. Krass fand ich eien Patientin, die sich mit Überdosen von Insulin immer wieder "verletzt" hat ... Besucher hatten es ihr gebracht und in den Blumentöpfen im Essraum versteckt. Immer wieder. Zuletzt fiel sie mal ins Koma, wie es dann ausging, weiß ich nicht. :(
Ich fand die Aufenthalte immer sehr schlimm in den geschützen oder teiloffenen (bei Bedarf zu schließenden) Stationen. Mich hat das total getriggert und es ging mir immer schlechter. Letztendlich hat es auch meinen Substanzkonsum massiv gesteigert bzw. mich auf manche Substanzen erst richtig angefixt. Es sind viele traurige Fälle, die man da trifft. Menschen, die wieder und wieder und wieder kommen. Wo man sich fragt, ist dere zuhause eigentlich die Psych oder woanders. Ich selbst war leider bei einem Aufenthalt der "Stationsschreck", ganz viele hatten Angst vor mir, ich habe mich zu der Zeit sehr schwer und häufig selbst verletzt und sowohl Personal als auch Mitpatienten waren damit überfordert. Allein in der Chirurgie im gleichen Haus, da hab ich mich verstanden gefühlt, die waren menschlich, die haben mich behandelt wie einen normalen Menschen, nicht wie eine Irre, die man am besten beständig mit Medis abschießt. Und auch wenn ich zweimal am Tag kam oder öfter, endlich war ich Mensch, nicht "Monster". Was mein SVV leider nicht unbedingt gebessert hat, war es doch mit der Zeit auch eine Möglichkeit, mal von Station zu entkommen und in einer weitgehen triggerfreien Umgebung zu sein.
Uns hat diese Erfahrung geschadet. Wir waren in vielen guten Kliniken, aber diese reine Verwahrung da, die war krass und für uns als Traumapatient einfach nur schlimm. Hat dann sogar irgendwann der Chefarzt da geblickt, dass das nicht geht, wir durften dann gehen, trotz äußerst desolatem Zustand, nachdem wir einen Platz in eienr Traumaklinik hatte, wo wir nur wenige Wochen dazwischen überbrücken musste.
Miu
Beiträge: 149
Registriert: Montag 4. Mai 2020, 02:50

Re: Geschlossene Psychiatrie-Erfahrungen

Beitrag von Miu »

Ich war schon sehr oft in der Psychiatrie, einmal nur auf der geschlossenen.
Ich hatte und habe so einen Horror vor der geschlossenen, dass ich die Dinge so lange unterdrücke... bis es auch ganz und gar nicht mehr gut ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

Auf der geschlossenen damals war es der Horror. Alleine schon eingesperrt zu sein, nicht einfach spazieren gehen zu können... Schlimm.

Eines Abends wurde ein Mann eingeliefert, der mit 4 Polizisten kam. Sie stellten ihn vor die Wahl, entweder er beruhige sich jetzt oder werde ruhig gespritzt und fixiert.
An einem gewissen Punkt schickten uns die Pfleger weg, schlossen alle Türen, wollten das Ganze "geheim" vonstatten gehen lassen. Daran störte ich mich extrem. Was gibt es da zu verheimlichen?

Die Situation fuhr mir extrem ein, zeigte mir deutlich, wie schlimm es sein kann, die Kontrolle so zu verlieren und komplett fremdbestimmt zu werden.

Zu deiner Frage: ja, ich kenne es auch so, dass Verstärkung von anderen Stationen angefordert wird. Warum die die Polizei riefen... gute Frage.
Vielleicht waren die anderen Stationen nicht abrufbar?
Angel
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Registriert: Freitag 1. Januar 2021, 20:15
Wohnort: Norddeutschland

Re: Geschlossene Psychiatrie-Erfahrungen

Beitrag von Angel »

Das hört sich für mich sehr schlimm an.
Ich war nie in so einer Einrichtung.
Aber ich frage mich ob die Ärzte das Recht haben eine Person zwangszuernähren wenn man das nicht möchte und ebenfalls ob die Patienten zwingen können Tabletten einzunehmen, wenn die das nicht wollen.

Das ist schlimmer als Gefängnis wahrscheinlich.
Im Gefängnis hast du ja keine Menschen, die dich mit Meds vollstopfen wollen.

Ich bin gegen diese Drogen. Wenn es hilft okay.
Aber meiner Ansicht nach, können diese Medikamente den Körper zerstören.
Dann wird man ja noch depressiver wenn man eine kaputte Leber bekommt.
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