Tagesbetrachtungen

Private Interessensgebiete, Hobbies, Freizeit, Soziales, Berufliches, Umwelt; eigene Überlebens- und Problembewältigungs-Strategien; empfehlenswerte Literatur- und Medienbeiträge zum Thema Suizid, Selbstbestimmung, freier Wille usw.

Moderatoren: Ludwig A. Minelli, Mediator

Antworten
Gnosis
Beiträge: 30
Registriert: Sonntag 11. September 2016, 10:09

Tagesbetrachtungen

Beitrag von Gnosis » Samstag 29. Dezember 2018, 23:22

Ich würde ich diesen Thread gerne als offene Plattform für Gedanken nutzen, die bei den Nutzern dieses Forums während des Tages auftreten. Auf diese Weise könnte der ein oder andere eventuell spontanen Gedankenflüssen Ausdruck verleihen, die ihn bewegen, aber ansonsten nirgendwo so richtig reinpassen. Als grobe Richtung hatte ich angedacht, dass es durchaus Gedanken sein sollten, die sich nicht nur in "ich will sterben" erschöpfen, aber auch keinen Anspruch darauf erheben, in jeder Facette perfekt durchdacht oder strukturiert zu sein.

Ich mache mal den Anfang mit einem längeren Text, der sich mir heute aufdrängte und werde wohl in der nächsten Zeit auch regelmäßig etwas hinzufügen:

Die Unsäglichkeit, welche darin besteht, Menschen, die durch ihren persönlichen Leidensweg bis zur unausweichlichen Konsequenz des Freitods getrieben wurden, an ihrer letzten selbstbestimmten Handlung zu hindern, gehört zu den bedeutsamsten Irrwegen der modernen Menschheit. Das Dasein derjenigen, welche die unerträgliche Hybris besitzen, über den finalen Willen eines anderen zu richten oder ihm seine Entscheidungsbefugnis abzusprechen, weist keine Gemeinsamkeiten mit dem Schicksal jener auf, die den Tod suchen. Alleine für die Überwindung des elementaren Selbsterhaltungstriebs ist eine so immense Differenz zum menschlichen Durchschnittsniveau vonnöten, dass diese Dimension gänzlich unvorstellbar ist, wenn man sie nicht selber über lange Zeitstrecken erlebt hat.

Der moderne westliche Mensch hat – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht den geringsten Begriff davon, welches Ausmaß körperlicher Schmerz oder auch negative Veränderungen im Gehirnstoffwechsel usw. im ungünstigsten Fall annehmen können. Der damit verbundene, sich in jeden Winkel des subjektiven Seins hineinbrennende Horror besitzt den Charakter des Absoluten, Metaphysischen und kann durch profanes Glück niemals ausgeglichen werden. Es gibt darin keine Helden, keine Durchhalteparolen, keine Entscheidungen. Es besteht nur noch die nackte Sehnsucht, dass das Grauen enden möge, ganz gleich auf welchem Weg; - in allen anderen Fällen hält sich das Leid in Grenzen. Das wahre Grauen hat kein Gesicht; es ist so endlos und der gewöhnlichen menschlichen Vorstellungskraft enthoben wie eine theistische Gottheit. Niemand geht unverändert daraus hervor und nichts in der gegebenen Welt kommt dieser Dimension gleich. ”Was Ihnen hier widerfährt, gilt für immer”, so auch bei meinem alten Freund Marc (*Name geändert).

Die strategisch perfekte Systematik, mit der er sukzessive durch Mobbing zerstört wurde, war eingedenk des Alters und des Bildungsniveaus seiner damals 13-jährigen Mitschüler überaus bemerkenswert. So konditionierten sie ihn beispielsweise darauf, dass er immer nach dem Satz "psst, Marc" von ihnen getreten wurde, bis er vor Schmerzen weinte. Dies wiederholten sie so oft, dass schließlich schon der bloße Ausspruch "psst, Marc" ausreichte, um ihn zu sichtbarer Verzweiflung zu treiben. Diesen Prozess setzten sie dann gezielt im Unterricht ein, um den Lehrern zu verdeutlichen, dass Marc von Natur aus verrückt war und gänzlich ohne Grund die Nerven verlor.

Durch immer weitere Maßnahmen trieben sie seine Aufzehrung voran: Er wurde mit dem Kopf in die Toilette getaucht, fortwährend verbal und körperlich gedemütigt und mit immer neuen psychologischen Spielen traktiert. Einmal fragten sie ihn, was er gerade denke und er antwortete, dass er sich gefragt habe, wie spät es ist. Daraufhin schlugen sie mit voller Gewalt auf ihn ein und brüllten immer wieder: "Wie spät ist es, Marc? Wie spät ist es???". Ein weiteres der damaligen Manöver bestand darin, ständig gegen ihn zu laufen, als ob er nicht existiere und sich mit steigernder Intensität gegen ihn zu werfen.

Letztlich wurde auch eine Beziehung zwischen ihm und einem Mädchen, welches er offenkundig liebte, inszeniert. Nach einigen Tagen, in denen sie so getan hatte, als teile sie seine Gefühle aus tiefstem Herzen, überschüttete sie ihn in der Schule plötzlich mit wüsten Beschimpfungen; mehrere Mitschüler kamen dazu, stimmten ein, verprügelten ihn wie selten zuvor und verspotteten ihn fortlaufend dafür, wie er nur so dumm gewesen sein konnte, an eine echte Beziehung mit ihr zu glauben.

Als ihn seine Mutter an seinem letzten Tag in jener Schule schließlich begleitete, verhielten sich alle Schüler hingegen übermäßig freundlich und überzeugten seine – bedauerlicherweise überaus naiv-gutgläubige - Mutter davon, dass sie Marc immer sehr gut behandelt hatten und dieser lediglich aufgrund seiner eigenen psychischen Unzulänglichkeit die Schule verlassen musste. 13 Jahre dauerte sein Kampf danach, angereichert von langen Psychiatrie-Aufenthalten und persönlichen Qualen. Er schaffte zwar tatsächlich noch einen sehr guten Ausbildungsabschluss, aber das Grauen gräbt sich ein wie ein Skalpell, das ein immerwährendes Stigma hinterlässt.

In Romanen, geschönten Biographien und naiven Vorstellungen werden Menschen wie Marc zu bewunderten Figuren, wachsen über sich und ihre Vergangenheit hinaus, ziehen aus ihren Erfahrungen Stärke, begehen heroische Taten und alle früheren Furchtbarkeiten münden in eine große, göttergleich gleißende Apotheose. Indes, in der Realität verglühen all ihre Ambitionen inmitten der zermalmenden Gleichmütigkeit des gesellschaftlichen Alltags; die Überreste ihrer alten Angst erscheinen als Schwäche, ihre Vorsicht ist Anlass für Misstrauen, das ihnen anhaftende Grauen erweckt Unbehagen, ihre Kämpfe bleiben ungesehen, ihre heißen Tränen der Selbstüberwindung sind wertloses Pathos, die Momente, in denen sie ihr Fatum überwinden, erzeugen Stirnrunzeln und müdes Schulterzucken. Und schon nach einer Zeit, die dem Betroffenen vorkommen muss wie Sekunden, fragt man ihn erzürnt-irritiert, woher das Gift in seinen Adern kommt, das ihn von aller bürgerlichen Funktionalität und Behaglichkeit immer noch so weit entfernt.

Trotz seines Abschlusses und seiner ungebrochenen Freundlichkeit und Herzenswärme stieß Marc zum Großteil auf Ablehnung, konnte im Berufsleben nicht Fuß fassen und auch seine tiefe Liebesfähigkeit, die stets erhalten geblieben war, wurde niemals auch nur ansatzweise erwidert. Es folgten weitere Jahre der Rückschläge und Misserfolge, des inneren Erstickens und der Medikamentenabhängigkeit.

Schließlich nahm er sich das Leben, ohne dass jemals einer seiner Träume Gestalt angenommen hatte. Jahre des heillosen Leidens und vergeblichen Kämpfens endeten mit literweise vergossenem Blut und einer Umwelt, die schon bald wieder ihre alte Gleichgültigkeit zurückgewann.

Ebenso bemerkenswert wie die damalige Kreativität der Schüler ist der Erfindungsreichtum, welchen die Menschheit selbst in primitiven Zivilisationsstufen für die Marterung ihrer Artgenossen aufbrachte. Diese Art der absoluten Grausamkeit ist unter allen Spezies singulär und bislang durch psychologische Erklärungsmodelle nicht plausibel begründbar. Bis zum heutigen Tag werden die Methoden weiterentwickelt und - wenn nötig - auch so weit verfeinert, dass keine äußeren Spuren sichtbar sind. Das allgemeine Desinteresse an dieser Situation ist bemerkenswert, unter anderem auch im Vergleich zur - zumindest simulierten - Anteilnahme an Todesfällen, insbesondere, wenn diese mit spektakulären Auslösern wie Terrorismus einhergehen.

Die Einblicke, welche ich aus eigener Erfahrung mittlerweile in die möglichen Ausprägungen körperlichen Schmerzes erhalten habe (und die von den theoretisch möglichen Maximalausprägungen des Leidens noch zahlreiche Stufen entfernt sind), reichen aus, um mit absoluter Sicherheit sagen zu können, dass 500 Jahre eines Lebens, welches man gemeinhin als "glücklich" bezeichnen würde, nicht ausreichen, um einen Tag der Folter aufzuwiegen, so es sich denn um eine der grausameren Methoden handelt. Wer zu Beginn jenes Tages gefragt wird, ob er ein Ende der Folter oder eine Ewigkeit im Paradies vorzieht, welches sich ihm aber nur eröffnet, wenn er noch den restlichen Tag die Tortur auf sich nimmt, wird nie das Paradies wählen können; es wäre ebenso unmöglich, wie aus eigenem Willen das Atmen gänzlich zu unterlassen.
„Under the spreading chestnut tree, I sold you and you sold me.”

Lovecraft
Beiträge: 149
Registriert: Montag 26. Juni 2017, 12:09

Re: Tagesbetrachtungen

Beitrag von Lovecraft » Sonntag 30. Dezember 2018, 11:34

Einer ist immer der Prügelknabe - habe ich selbst oft genug am eigenen Leibe erfahren müssen, wenn auch in bei weitem nicht so drastischer Weise wie in obigem Beispiel...ich mußte dabei sofort an das berühmte "Milgram-Experiment" denken, das irgendwann in den 90gern mit Studenten einer amerikanischen Hochschule durchgeführt wurde: diese wurden in zwei Gruppen eingeteilt, "Wächter" und "Gefangene", in einer simulierten Knast-Situation...bereits nach einigen Tagen mußten die Dozenten den Versuch abbrechen, da aus dem Spiel bitterer Ernst geworden war: insbesondere die Mitglieder der "Wärter"- Gruppe hatten sich so in ihr vorgegebenes, simuliertes Rollenverständnis hineingesteigert, daß sie bereit waren, ihre Kommilitonen in der "Gefangenen"-Gruppe in jeder erdenklichen Weise zu foltern und zu erniedrigen...sie waren zu Bestien und zu wilden Tieren geworden, waren die paar Stufen auf der Evolutionsleiter, die den Menschen vom Affen trennen, innerhalb weniger Tage - wenn nicht Stunden - wieder hinabgeklettert...

...jeder sollte sich diesbezüglich mal die alten "Planet der Affen" -Filme anschauen, insbesondere Teil I und II..darin geht es um die wahre Natur des Menschen...die genauso aussieht, wenn die scheinheilige Maske der sogenannten "Zivilisation" erst einmal fällt und die Fratze darunter zum Vorschein kommt...die Menschen haben das Ende, das sie in dem Filmen ereilt, absolut verdient: hinweggefegt und ausgemerzt durch die eigenen Massenvernichtungswaffen, die halb unter dem Sand verschüttete Freiheitsstatue, vor der der Astronaut Taylor am Ende des ersten Films niederkniet, als ihm die bittere Wahrheit dämmert, als stummes Mahnmal der Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit allen menschlichen Tuns zurücklassend...

"...aber hüte dich vor dem Menschen, denn er ist der Bote des Todes und verflucht unter allen Primaten Gottes....er wird seinen Bruder morden um seines Bruders Land zu besitzen: meide ihn.."

...so heißt es in den heiligen Schriftrollen der Affen, aus denen Prof. Zaius am Ende des Films zitiert - nur besteht die Pointe darin, daß die Affen es um keinen Deut besser gemacht, die Fehler der Menschen, die vor ihnen waren, 1:1 wiederholt haben, eine "Zivilisation" erschaffen haben, die wie die der Menschen davor nur auf Krieg, Ausbeutung und Gewalt aufgebaut ist -auch sie konnten dem Fluch des Darwinismus nicht entfliehen...

Verloren
Beiträge: 83
Registriert: Samstag 14. Juli 2018, 15:40

Re: Tagesbetrachtungen

Beitrag von Verloren » Sonntag 30. Dezember 2018, 17:03

Gnosis, toller, bewegender Text.

Erloesung
Beiträge: 282
Registriert: Montag 26. Januar 2009, 00:00

Re: Tagesbetrachtungen

Beitrag von Erloesung » Montag 31. Dezember 2018, 10:35

Guter Text.

Diese Mobber in der Schule sind tatsächlich ein großes Problem. Sie können sich i.d.R. nur an Schwächere vergreifen.
Wenn es nach mir ginge, müsste man diese Mobber mit schwersten Sanktionen bestrafen. z.B. bei dem 3. Mobbing-Vorfall diese jungen Herren von der Schule verweisen und mit einer bundesweiten Schul-Sperre verhängen.

Nach 5-10 Jahren könnte man diesen jungen Herren nochmal eine Chance geben, ihren Schulabschluss nachzumachen.

Hurlinger
Beiträge: 50
Registriert: Donnerstag 19. Oktober 2017, 19:41

Re: Tagesbetrachtungen

Beitrag von Hurlinger » Mittwoch 2. Januar 2019, 00:38

Erloesung hat geschrieben: Wenn es nach mir ginge, müsste man diese Mobber mit schwersten Sanktionen bestrafen. z.B. bei dem 3. Mobbing-Vorfall diese jungen Herren von der Schule verweisen und mit einer bundesweiten Schul-Sperre verhängen.
Das wird so nicht funktionieren. Es läuft häufig so subtil und undurchschaubar ab, dass man die "Mobber" nicht zu fassen kriegt.
Im Beitrag oben wurde ja auch erwähnt, dass die Mutter mit dem Kind, was ja auch schon wieder zu Demütigungen führt, den vermeintlichen Tätern gegenüber stand und die getan haben, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten.
Man kann nur versuchen jungen Leuten das Thema sehr nahe zu bringen, sodass sie vielleicht selbst darauf kommen anderen solches Leid nicht zuzufügen.
Aber die Erfolgschance sehe ich als sehr gering an, weil von den Erwachsenen und den omnipräsenten Medien ja ganz Anderes vorgelebt wird.
Gruß
Hurlinger

Gnosis
Beiträge: 30
Registriert: Sonntag 11. September 2016, 10:09

Re: Tagesbetrachtungen

Beitrag von Gnosis » Samstag 12. Januar 2019, 06:12

Danke für die Rückmeldungen. Lovecraft, das Stanford-Experiment ist - ebenso wie das Milgram-Experiment (du hast die da etwas vertauscht, aber die werden auch oft in einem Atemzug genannt) tatsächlich extrem vielsagend in Hinblick auf die menschliche Natur. Heutzutage dürfte so etwas aus "ethischen" Erwägungen gar nicht mehr untersucht werden.

Zwei neue Tagesbetrachtungen:

1:
Den Menschen fehlt eine intrinsische Perspektive für die Sinnhaftigkeit von Handlungen, welche über den situativen Eigennutzen im Sinne von möglichst aufwandloser Bedürfnisbefriedigung hinausgehen und es besteht kaum ein Anreiz, diese noch in sich zu entwickeln. Die neue Sinngebung, welche infolge des Todes des alten Gottesgedankens vielfach antizipiert wurde, ist bis heute nicht gekommen und auch humanistische Ideale können nur insoweit prosperieren, wie sie mit der Lebensrealität der Menschen einhergehen. Wenn der Einzelne zahlreiche zwischenmenschliche Strukturen zerfallen oder zumindest wanken sieht, immer wieder erlebt, wie sein guter Wille und seine wohlmeinenden Überlegungen gegen Wände laufen und er erst mittels genauer Kalkulation und Rücksichtslosigkeit seine Ziele erreicht und die Vereinzelung und Existenzlosigkeit jener, deren Waffen nicht stark oder vergiftet genug waren, um sich im Rad der Gesellschaft nach oben zu kämpfen, allzu offenkundig wird, gewinnt der hobbes’sche „homo homini lupus est“-Gedanke („der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“) eine unentrinnbare Suggestivkraft.

Dazu muss man konstatieren, dass der lupus-Begriff insofern nicht ganz präzise ist, als die Brutalität des Wolfes im Tierreich mit einer evolutionären Höherentwicklung verbunden ist, wohingegen in Bezug auf den Menschen keine solche mehr zu verzeichnen ist. Von einigen Autoren wurden daher nicht zu Unrecht involutive Prozesse antizipiert, wobei die Abnahme der durchschnittlichen Intelligenz und die Zunahme psychischer Erkrankungen nur zwei unter zahlreichen Symptomen sind.
Die heutige Zeit begünstigt vielmehr das zugrunde Gehen der Empfindungsreichen, Nebendraußenstehenden, Sternensuchenden. Man beginnt bereits, ihr Gegenteil mit den Inbegriffen von Gesundheit, Stärke und Größe zu verwechseln, ganz einfach dadurch begründet, dass diese Menschen heutzutage weitaus seltener zugrunde gehen und sich oftmals noch am ehesten dem annähern, was gemeinhin als das ”gute und angenehme Leben” betrachtet wird. Der in Nietzsches ”Also sprach Zarathustra” präzise umschriebene Erdfloh betrachtet die größtmögliche Verworfenheit und plebejische Grausamkeit gleichmütig, während der Stein stumm in das Gebet an die Gleichgültigkeit einstimmt.

2:
Als ich gegen Ende des letzten Jahres den Kopf meiner Partnerin in meinen Händen hielt und ein Gefühl tieferer Verbundenheit aufblitzte, überkam mich plötzlich das deutliche Empfinden, bald nicht mehr zu sein. Es war, als betrachtete ich mein Leben als Toter in der Rückschau und würde noch einmal die kurzen Eindrücke vernehmen, die mich mit diesem Dasein verbanden. Entgegen meiner sonstigen Gedanken an den Tod, die von Ruhe und stiller Einkehr geprägt sind, übermannte mich nun ein Gefühl der ungeheuerlichsten Trauer, nicht ob meines Ablebens, sondern aufgrund des durch mein Dahinscheiden eintretenden Verlustes ebendieser Innerlichkeit: Ihr Kopf in meinen Händen, mich mit einem Blick aus Zuneigung und schier kindlich fragender Neugier ansehend.
Wenige Minuten zuvor hatte sie noch geweint und nicht gewollt, dass ich ihr Gesicht dabei sehe, obgleich der Kern ihrer Schönheit stets am hellsten strahlt, wenn sie weint und ich sie jedes Mal beschützen und halten will, bis aller Kummer von ihr gewichen ist. Nun musste ich mit größter Willensanstrengung meine eigenen Tränen zurückhalten, denn sie hätte diese nicht verstanden, hätte sie als befremdlich empfunden und war in Gedanken bereits dabei, mich zu fragen, ob ich eine Komödie für Silvester organisieren könnte. Ja, natürlich konnte ich das und ich freute mich angesichts ihres unbekümmerten und mir selbst mittlerweile verschlossenen Vergnügens über den Film.

Das Gefühl der tiefen Innerlichkeit bleibt bei all dem weiterhin ein Gespenst, das sie nicht versteht, obgleich ihr meine Zuneigung, die daraus hervorgeht, offensichtlich sehr gut tut. Da sie es jedoch nicht versteht, wird sie sich in nicht allzu ferner Zukunft von mir trennen, obschon wir uns nun scheinbar liebevoll ansehen. Die Resonanzböden für die Innerlichkeit, die tiefe Form von Liebe, werden immer seltener und ihre Gegenwärtigkeit wird immer gespenstischer, sodass es häufig zwecklos erscheint, sie noch im eigenen Herzen zu bewahren, gerade da ihr Gegenteil alles zunehmend erfasst. Dennoch ist es immer alleine der Gedanke daran, der mich vom Freitod abhält, da mich jedes Mal kurz vor der Tat das Gefühl überkommt, mehr als nur mich zu töten. – und alles in mir drängt nach Bewahrung und Weitergabe dieser Facette des Seins, so hoffnungslos es auch ist. Sie ist das Geheimnis aus den vergessenen Räumen der Kindheitsträume, die Ursehnsucht, das verborgene Gefühl in den Winkeln erster aufkeimender Vertrautheit, die reinigenden Schauer in der Befreiung von Seelenfesseln, das tränengetränkte Aufblitzen des Wahrhaften inmitten der Allmacht der Lüge, die schwarz-violetten Brunnen, deren Grund sich dem Auge entziehen, der Moment der Unschuld, welcher sich gleich einer Anklageschrift in die Monotonie der verheimlichten Verwesung drängt, die Flamme, die inmitten stummen Sterbens aufschreit.

Antworten